Inhalt - Das Expertengespräch

Die Geschichte von Herbert: Fragen an den Experten

Herr Dr. Kühne, welche Funktion haben Sie als leitender Arzt Kardiologie am Universitätsspital Basel?

Mein zentrales Gebiet ist die Elektrophysiologie, das heisst, ich befasse mich mit Patientinnen und Patienten, die Herzrhythmusstörungen haben. Dabei behandle ich Betroffene sämtlicher Formen von Herzrhythmusstörungen.

  • Wie kam Herbert M. ins Herzzentrum?

    Herbert M. empfand, dass sein Herz, insbesondere beim Leichtathletiktraining, schneller schlug als gewohnt. Bei leichtem Joggen oder Aufwärmen wäre ein Puls von 90 bis 100 Schlägen pro Minute normal. Bei Herbert M. gab es jedoch – als würde man einen Lichtschalter betätigen – einen Sprung auf 150 Schläge pro Minute.

    Herbert M. konsultierte zuerst seinen Hausarzt, der ein Belastungs-EKG durchführte. Da dieses aber keine Auffälligkeiten zeigte, die Beschwerden aber anhielten, wurde beim Kardiologen ein Langzeit-EKG verordnet. Durch die längere Zeitspanne konnte belegt werden, dass bei körperlicher Aktivität Herzrasen auftrat, und somit lag der Verdacht auf eine Herzrhythmusstörung nahe. Folglich wurde Herbert M. zu uns ins Herzzentrum überwiesen, wo weitere Abklärungen zu einer fundierten Diagnose und entsprechenden Behandlung führten.

  • Was war der Auslöser für die Herzrhythmusstörung von Herbert M.?

    Normalerweise besteht im Körper nur eine einzelne elektrische Verbindung zwischen Vorhof und Herzkammer. Durch den elektrischen Impuls entsteht dann der Herzrhythmus. Bei Herbert gab es jedoch zwei Leitungen – und genau diese zweite Leitungsbahn war der Auslöser für die Rhythmusstörung. Der regelmässige elektrische Impuls wurde durch die zweite Bahn gestört – es entstanden sozusagen Kurzschlüsse.

  • Was ist das Besondere an der Situation von Herbert M.?

    Der 71-jährige ist sehr aktiv und körperlich überdurchschnittlich fit – das zeigte auch der Befund des Langzeit-EKGs. Die Form von Herzrhythmusstörung, welche bei ihm diagnostiziert wurde, ist nicht gefährlich. Doch gerade weil Herbert M. so sportlich unterwegs ist, wurde die Störung zur Belastung. Die Herzrhythmusstörung schränkte ihn beim Training ein und verursachte einen Leistungsabfall.

  • Welche Behandlungsmöglichkeiten haben Sie aufgezeigt, und für welche hat sich Herbert M. entschieden?

    In der Sprechstunde zeigten wir Herbert M. zwei Optionen auf: Zum einen die langfristige Einnahme von Medikamenten wie beispielsweise Betablocker, zum anderen ein operativer Eingriff, genannt Katheterablation, zur Behebung der Störung. Für Herbert M. war der Fall rasch klar: Er entschied sich für den Eingriff. Die Einnahme von Medikamenten könnte allenfalls auf die Leistung drücken – das kam für Herbert M. nicht infrage.

  • Was wurde beim Eingriff von Herbert M. gemacht?

    Bei der sogenannten Katheterablation von Herbert M. wurde die zusätzliche Leitung, welche die Rhythmusstörung verursachte, verödet. Bei diesem Eingriff gelangt der behandelnde Arzt auf minimalinvasive Weise mit einem Katheter durch die Leistenvene in den Herzvorhof. Dank elektrischen Signalen wird punktgenau die circa 1 Millimeter grosse Fläche gefunden, welche die Beschwerden verursacht. Durch Hitze wird die zweite Leitung verödet – und die Störung somit behoben.

  • Wie häufig ist ein solcher Eingriff?

    In der Schweiz werden jährlich über 6‘000 Katheterablationen durchgeführt. Mehr als 1‘000 Betroffene werden wegen genau dieser Störung, die Herbert M. hatte, so behandelt. Es ist ein Eingriff mit niedrigem Risiko. Die Heilungschancen liegen bei 95 Prozent.

  • Wie lange dauert der Eingriff und wie rasch ist die Genesung?

    Der Eingriff selbst dauert in der Regel weniger als eine Stunde. Zur Sicherheit behalten wir Patientinnen und Patienten über Nacht im Spital – dies vor allem, um die Wundheilung an der Leiste zu kontrollieren. Am Tag nach dem Eingriff darf der Patient bereits wieder nach Hause und kommt erst drei Monate später zur Nachkontrolle.

    Das Herz selbst funktioniert nach dem Eingriff wieder wie gewohnt, so dass Betroffene direkt anschliessend wieder aktiv sein können. Auch Sport ist ohne lange Genesungsphase wieder möglich – selbstverständlich abhängig vom gesamten Gesundheitszustand des Betroffenen.

  • Herbert M. konnte also weitermachen wie vorher?

    Ja, bei Herbert M. bewirkten wir eine vollständige Beseitigung der Störung. Dank der Ablation ist er heute genauso aktiv wie vorher – er konnte trotz Eingriff im 2016 sogar wie geplant an der Senioren-WM in Perth teilnehmen. Wir brachten somit seine Lebensqualität wieder auf das gewohnt aktive Niveau.

  • Wie sieht die aktuelle Forschung in der Kardiologie aus?

    Vor allem im Bereich Vorhofflimmern, der häufigsten Art von Herzrhythmusstörung, wird viel geforscht. Beim Vorhofflimmern schlagen die Herzvorhöfe nicht mehr regelmässig, sondern zu schnell, unregelmässig und unkoordiniert. Dabei wird das Blut nicht mehr vollständig aus den Vorhöfen gepumpt und es können sich Gerinnsel bilden. Das Behandlungsgebiet von Herzrhythmusstörungen ist schon relativ gut erforscht, aber in den letzten 20 Jahren gab es nochmals extreme Fortschritte. Trotzdem bleiben offene Fragen: Wie lässt sich die Erfolgsquote bei Vorhofflimmern noch erhöhen? Oder warum kommt es überhaupt zu Vorhofflimmern?

  • Ist das Herzzentrum des Unispitals Basel an einer aktuellen Studie beteiligt?

    Wir sind momentan an einer grossen und vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützten Langzeitstudie, in der es um den möglichen Zusammenhang zwischen Vorhofflimmern und Demenz geht. Der Bereich Vorhofflimmern ist übrigens am besten untersucht, weil er sozioökonomisch so relevant ist. Vorhofflimmern ist die häufigste Form von Herzrhythmusstörungen und wird häufiger mit zunehmendem Alter. Weil wir durchschnittlich immer älter werden, ist mit einer Zunahme von Vorhofflimmern zu rechnen.

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