Inhalt - Das Expertengespräch

Die Geschichte von Bruno und Rolf: Fragen an den Experten

Herr Prof. Lyrer, welche Funktion haben Sie am Universitätsspital Basel und worauf haben Sie sich spezialisiert?

Ich bin Leiter des Hirnschlagzentrums und stellvertretender Chefarzt Neurologie am Universitätsspital Basel. Als Neurologe beschäftige ich mich besonders mit Durchblutungsstörungen von Gehirn und Rückenmark.

  • 2006 ereignete sich im Universitätsspital Basel ein spezieller Fall mit Zwillingsbrüdern. Einer der beiden erlitt einen Hirnschlag, der andere eine Streifung. Wie häufig kommt das vor?

    Beide Fälle gehören leider zu meinem medizinischen Alltag. Schweizweit erleiden etwa 15'000 bis 16'000 Menschen einen Hirnschlag. Jeder Achte, der eine sogenannte Streifung erlebt, erleidet innerhalb des darauffolgenden Jahres einen Hirnschlag.

  • Was genau ist bei den Zwillingen passiert?

    Beim vorliegenden Fall erlitt Rolf, der um fünf Minuten jüngere Bruder, einen Hirnschlag. Während er sich in der Reha erholte, wurde er oft von Bruno, dem älteren der beiden, betreut. Hier traf Bruno nur drei Monate später eine kurze Durchblutungsstörung des Auges (Amaurosis fugax). Für die Dauer von etwa einer Minute hatte er auf seinem rechten Auge eine Sehstörung und konnte nichts mehr sehen. Betrifft eine solche Durchblutungsstörung das Gehirn, so nennt man dies eine transitorisch ischämische Attacke (TIA).

  • Wie unterscheiden sich TIA und Hirnschlag?

    Der Unterschied liegt darin, dass sich die Symptome einer TIA von selbst wieder auflösen und nicht länger als 24 Stunden andauern. In bis zu 12 Prozent der Fälle ist eine TIA jedoch die Vorbotin eines späteren Hirnschlags. Die Symptome eines Hirnschlags hingegen dauern länger als 24 Stunden. Die Folgen sind wesentlich einschneidender und können lebenslang bleibende Schäden hervorrufen. In westlichen Ländern gilt der Hirnschlag als dritthäufigste Todesursache und als wichtigste Ursache für bleibende Behinderungen im Erwachsenenalter.

  • Was gilt es bei einer Streifung zu beachten?

    Eine Streifung richtig zu deuten, kann für den Patienten überlebenswichtig sein. Unser interdisziplinär aufgestelltes Team untersuchte Bruno zeitnah und beseitigte operativ die Ursache, nämlich die Verengung der Halsschlagader (Karotis). Damit verminderte es das Risiko von Bruno, später ebenfalls einen Hirnschlag zu erleiden.

  • Woran erkennt man die Symptome einer TIA bzw. eines Hirnschlags?

    Typische TIA-Symptome sind einseitige Lähmungserscheinungen, Sprachprobleme, Koordinationsschwierigkeiten, Sehprobleme, Schluckbeschwerden und Schwindel. Bei einem Hirnschlag sind es die gleichen Symptome, die aber ausgeprägter und länger dauern. Je nach Ort der Durchblutungsstörung sind unterschiedliche Auswirkungen ersichtlich. Bei Rolfs Hirnschlaganfall war die rechte Hirnhälfte betroffen. Auf der rechten Hirnseite liegt die Steuerung für die räumliche Koordination und die Körperwahrnehmung. Bei dieser Form des Hirnschlags nimmt der Patient nicht wahr, dass seine linke Körperhälfte gelähmt ist. Rolf störte sich in diesem Moment gar nicht an seinem Zustand, da er nicht wahrnahm, dass ihm etwas fehlte.

    Sind hingegen die linke Gehirnhälfte und damit das Sprachzentrum betroffen, kann sich der Patient nicht mehr äussern. Er kann weder verstehen, was ihm gesagt wird, noch kann er antworten.

  • Was ist das Besondere am Hirnschlagzentrum (Stroke Center) des Unispitals?

    Das Hirnschlagzentrum ist das einzige seiner Art in der Nordwestschweiz. Behandelten wir ursprünglich einen bis zwei Patienten pro Tag, sind es mittlerweile drei bis vier. Jährlich führen wir über 2000 Ultraschalluntersuchungen der hirnzuführenden Arterien bei stationären und ambulanten Patienten durch.

    Unser Hirnschlagzentrum zeichnet sich vor allem durch ein integriertes Behandlungskonzept aus, das neuestes Fachwissen mit schnellster Umsetzung vereint. So stehen zum Beispiel jederzeit eine Angiographie und eine ganze Reihe von Spezialisten zur Verfügung: Neurologen, Chirurgen, Anästhesisten, MTRA (Fachpersonen für Medizinisch-Technische Radiologie), Neurochirurgen, Radiologen und Kardiologen. Drei Neuroradiologen besitzen bei uns die Fähigkeit, mit einem Katheter minimalinvasiv die operative Entfernung eines Blutgerinnsels aus einem Blutgefäss durchzuführen. In den vergangenen Jahren hat sich diese Methode, das verstopfte Hirngefäss bei schweren Schlaganfällen mechanisch zu öffnen, als wirksamste Therapie durchgesetzt. Seit zwei Jahren wird diese Variante am USB systematisch durchgeführt – technisch und personell verfügen wir über die Voraussetzungen für sämtliche hierfür notwendigen diagnostischen und therapeutischen Massnahmen.

  • Was gibt es weiter zu beachten?

    Ein entscheidender Faktor ist die Zeit, egal wie gut ausgestattet das Spital ist: «Time is brain», sagen wir Fachärzte – jede Minute zählt. Je schneller das Gerinnsel aufgelöst werden kann, desto besser. Denn oft entscheiden wenige Minuten darüber, ob Gehirnzellen, die kurzzeitig ohne Blutversorgung waren, absterben oder nicht. Meistens löst sich das Gerinnsel schon mit einer blutgerinnselauflösenden Infusion, einer sogenannten Thrombolyse, auf. Doch dies gelingt nur in den ersten maximal fünf Stunden. Bis maximal sechs Stunden nach Symptombeginn kann dies nicht mehr intravenös, dafür intraarteriell geschehen, also über einen Gefässkatheter direkt in die verschlossene Arterie. Ist dies nicht möglich, werden gerinnungshemmende Medikamente verabreicht, um weitere Arterienverschlüsse zu vermeiden. In jedem Fall erfolgt eine Behandlung in der Stroke Unit, wo unsere Patienten überwacht und alle notwendigen Behandlungen inklusive Rehabilitationsmassnahmen vorgenommen werden.

  • Rolf wurde mit der Ambulanz ins Hirnschlagzentrum gefahren. Wie ging es danach weiter?

    Rolf lag im Schockraum in einem kritischen Zustand, sein Zwillingsbruder musste draussen warten. Von da an beginnt ein standardisiertes medizinisches Vorgehen abzulaufen. Wir halten uns an sogenannte SOP, «standard operating procedures». Unsere Fachleute arbeiten zusammen, um innert kürzester Zeit die Krankengeschichte des Patienten zu ermitteln. Sie müssen wissen, ob und welche Medikamente er einnimmt, welche Vorerkrankungen bestehen, und vieles mehr. Gleichzeitig beginnen sie bereits mit der Behandlung, um keine Zeit zu verlieren. Die Behandlung startet also schon während der Diagnosestellung. Nur eine interdisziplinäre Teamarbeit von Ärztinnen und Ärzten sowie Technikern und Pflegenden macht eine solche Leistung möglich.

  • Darauf folgt die Rehabilitation?

    Ja. Schnellstmöglich wird danach mit der Reha begonnen. Rolf wurde dazu ins Felix Platter-Spital verlegt, wo er eine auf ihn zugeschnittene Therapie erhielt. Standardmässig sind das Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie und weitere Angebote. Rolf musste vor allem wieder lernen zu gehen. Sein Sprachzentrum wurde ja glücklicherweise beim Hirnschlag nicht beeinträchtigt. Der Einbezug des Patienten und seiner Angehörigen ist auch hier ausschlaggebend für den Erfolg der Rehabilitation. Jede weitere Intervention oder Therapieänderung wird mit ihm und seinen Angehörigen besprochen.

  • Gibt es Nachkontrollen?

    Jeder Patient wird bei uns regelmässig nachkontrolliert. Wenn die Gefahr eines weiteren Hirnschlags besteht, besprechen wir die Fälle in einer Indikationskonferenz. Hier tauscht sich ein Team aus Fachärztinnen und Fachärzten wie Neurologen, Neuro- und Gefässchirurgen sowie Neuroradiologen in Fachbesprechungen aus.

  • Und wie sieht es heute, nach zehn Jahren, bei Rolf und Bruno aus?

    Rolf kommt regelmässig zur Kontrolle zu uns. Sein Hirnschlag ereignete sich 2006. Mittlerweile ist er bei einer zweijährlichen Kontrolle angelangt. Eine Halsschlagaderoperation, wie wir sie auch bei Bruno durchgeführt haben, hat den nachhaltigen Effekt, dass die Halsschlagader während 10 bis 15 Jahren offen bleibt. Deshalb kontrollieren wir bei Hirnschlagpatienten besonders die nicht operierten Gefässe wie die Vertebralarterien oder die Halsschlagader auf der gegenüberliegenden Seite. Rolf hat glücklicherweise, abgesehen von einem Taubheitsgefühl in der linken Hand, keine bleibenden Schäden davongetragen.

  • Wie sieht es mit der Prävention aus?

    Die wichtigste Präventionsmassnahme ist die Kontrolle des Blutdrucks. Bei den meisten Menschen steigt der Blutdruck im Verlauf des Lebens an. Dies bedeutet Stress für unsere Gefässe und beschleunigt die Fetteinlagerung in den Arterienwänden. Auch das Rauchen beschleunigt diesen Vorgang, was zu einer Arterienverkalkung führen und im schlimmsten Fall in einer Halsschlagaderverengung enden kann. Des Weiteren ist die medizinische Vorgeschichte wichtig, zum Beispiel ein Zustand nach Herzinfarkt, eine früher diagnostizierte Arteriosklerose, ein erhöhter Blutdruck. Und die Vorgeschichte ist natürlich im Alter länger als bei jungen Menschen. Schliesslich sollten Patienten auf das Cholesterin achten. Hohe Blutfette können zu den oben beschriebenen Fetteinlagerungen führen und einen Hirnschlag begünstigen.

  • Wie ist der momentane Forschungsstand? Gibt es aktuelle Studien?

    Momentan laufen zahlreiche Studien und an vielen sind wir im Universitätsspital Basel aktiv beteiligt. Neu und in der Wissenschaft als bahnbrechend wird die Thrombektomie angesehen. Dies ist die oben genannte mechanische Entfernung des Blutgerinnsels aus der verstopften Arterie. Diese Massnahme wird der hochspezialisierten Medizin zugeordnet und im Hirnschlagzentrum am Universitätsspital Basel durchgeführt. 2015 wurden fünf wichtige wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die für die mechanische Entfernung des Blutgerinnsels sprechen. Mit dieser Massnahme kann man Gefässe rasch wieder öffnen und der Heilungsverlauf der betroffenen Person wird deutlich verbessert.

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