Inhalt - Die Geschichte von Bruno & Rolf

  • Die Geschichte von Bruno und Rolf

    Nichts reisst die Zwillinge auseinander

    Bruno, der um fünf Minuten ältere Bruder, stand an der Tür zum Schockraum im Unispital Basel. «Ich reisse Ihnen ein Ohr ab, wenn ich hier jetzt nicht reinkomme.» Die Drohung zeigte Wirkung. Wie durch ein Wunder öffnete sich die Tür und ein grün gekleideter Operationsarzt stand vor ihm. Bruno ging an ihm vorbei in den Notfall, schnurstracks zu seinem Bruder Rolf und flüsterte ihm Ausdrücke ins Ohr, von denen «du kleiner Gartenzwerg» oder «du Schleimer» noch von der harmloseren Sorte waren. Das war und könnte auch in Zukunft eine neue Methode sein, erzählt Bruno heute, zehn Jahre nach dem Vorfall. Etwas später schliesslich sprach er ihn auf Französisch und Englisch an; Rolf antwortete in den entsprechenden Sprachen, worauf Bruno wusste, dass «da oben» alles funktionierte. Rolf bekam von all dem nicht viel mit, wie er sagte. Er erfuhr erst später von der ganzen Dramatik.

    Von der Küche direkt ins Stroke Center

    Nicht viel mitbekommen hatte er auch damals, 2006, als ihn der Stroke (Hirnschlag, Schlaganfall) traf. Er stand bei sich zu Hause in der Küche, in der Pfanne brutzelte ein Entrecote, die Sauce Béarnaise stand schon fast bereit. Auf einmal ging das Licht aus, von da an kann er sich an nichts mehr erinnern. Er lag in seiner Küche, hatte sogar ein Nahtoderlebnis und glaubte, den Sensemann auf Besuch zu haben. Irgendwie muss er es doch zum Telefon geschafft haben, denn jemand hatte die Mutter verständigt. Bruno kam direkt zu ihm, er hat einen Schlüssel für Notfälle und war alarmiert durch Rolfs Stimme, die darauf schliessen liess, dass etwas anders war.

    Danach kam die Ambulanz. Rolf wurde direkt ins Stroke Center gefahren, die Stelle für die notfallmässige Abklärung und Behandlung von Hirnschlägen am Unispital Basel, wo Prof. Philippe Lyrer ihn schon erwartete. 

    Das grosse Kribbeln: Ameisen am ganzen Körper

    Rolf hatte die ersten Anzeichen seines Hirnschlags ignoriert. Es war nicht so, dass sein Körper ihn nicht gewarnt hätte: Als er im Grossverteiler stand, um sich das Fleisch zu besorgen, spürte er auf einmal «Ameisen» auf einer Körperseite. Ein grosses Kribbeln durchfuhr seine linke Hälfte, vor allem dem Arm entlang.

    «Jede Minute zählt,
    «time is brain», heisst es.»

    Prof. Lyrer

    16 Stunden sei er in der Küche gelegen. Doch weder konnten das die Sanitäter wissen, noch konnte der Patient sie darüber informieren. Die Sanitäter sagten, in diesem Fall fange man bei null an, weil man nicht genau rechnen könne. Es war also schon in der Küche knapp und jetzt im Spital erneut. Bei Hirnschlägen ist es enorm wichtig, dass schnell gehandelt wird. Die langfristigen Ergebnisse sind dann viel besser. Behinderungen können vermieden werden und die Patienten haben teilweise praktisch keine Einschränkungen mehr.

    Die Blutversorgung im Gehirn wird kurzzeitig unterbrochen und je schneller man das Gerinnsel, also diese «Verstopfung», lösen kann, zum Beispiel medikamentös mit einer Thrombolyse (intravenös, löst das Gerinnsel auf), desto besser. Diese sollte innerhalb der ersten viereinhalb Stunden gespritzt werden.

    «Mich interessiert nicht,
    was geschehen ist, mich interessiert,
    was kommt, wie ich das bewältige.»

    Rolf

    Bruno sagt: «Was mich beeindruckte, war, dass die Ärzte den Patienten wieder zurückholten und wieder hinkriegten. Es geht ihm gut.» Doch das sollte nicht das einzige Beeindruckende bleiben, was Bruno betrifft. Ein Jahr lang war er täglich und während mindestens acht Stunden bei Rolf im Felix Platter-Spital in der Reha. Da das USB und das Felix Platter-Spital zusammenarbeiten, werden Patienten zur Rehabilitation oft in Letzteres verlegt. Bruno sagt, dass er Rolf grösstenteils selbst therapiert habe, so viel habe er mit ihm geübt. Wenn die Krankenschwester sagte, wir laufen jetzt 10 Meter, sagte er zu Rolf: Ende Woche machen wir den ganzen Flur, 100 Meter. Ein Dreivierteljahr dauerte die ganze Reha. Physiotherapie, Ergotherapie. Wieder laufen lernen, die Feinmotorik schulen.

    Als Besucher im Spital – plötzlich trifft es auch Bruno

    Brunos zweites Zuhause war das Spital. Die Reha braucht viel Geduld. «Das Grosse G, Geduld.» Gleichzeitig waren auch seine Mutter und die Tante – beide gesundheitlich angeschlagen – in der Reha. Eine grosse Bürde, die er zu tragen hatte, und viele Menschen, die ihm nahestanden und ihn brauchten. Doch dann traf es ihn selbst. Während dieser Zeit, als er bei seinem Bruder am Krankenbett sass, erlitt er einen neurologischen Ausfall in Form einer Sehstörung auf dem rechten Auge. Etwa eine Minute lang war er blind. Doch Bruno hat den Vorfall einfach «weggedrückt». Aus Angst vor dem, was passieren würde, wenn auch er jetzt noch ins Spital müsste. Er erzählte niemandem davon. Ein grosser Fehler. Denn was Bruno in dem Moment traf, war eine TIA, eine transitorisch ischämische Attacke. In der Alltagssprache: eine Streifung. TIA sind oft Vorboten von Hirnschlägen; und was Rolf beim Einkaufen erlitten hatte, geschah nun auch Bruno. Wenn Rolf etwas geschieht, weiss Bruno, dass ihm mindestens innerhalb von drei Monaten das Gleiche passiert.

    Die Voraussicht der Spezialisten

    Die Spezialisten im Stroke Center hatten allerdings einen Schritt weiter gedacht. Sie gingen auf Bruno zu und fragten, «öb sie mol dörfe luege», ob bei ihm alles in Ordnung sei. Sie untersuchten ihn, einfach weil er als Zwilling ja gleich war wie Rolf. Die Ärzte checkten ihn durch und realisierten sofort, dass es drei vor zwölf war. Sofort wurde er operiert, sonst hätte ihm dasselbe passieren können. Doch so konnte ein Schlaganfall verhindert werden. Brunos Diagnose war eine Carotisstenose links, also eine Verengung der einen Halsschlagader. Bei Rolf wurde die Carotis übrigens auch operiert, allerdings war die rechte Seite betroffen.

    Bruno wurde im Unispital operiert. Während der Operation war er wach und nur vom Hals an abwärts betäubt. Angeblich wollte er lieber mit offenen Augen sterben, dann hätte er noch motzen können. Ihm geht es heute wieder gut. Doch die Erlebnisse waren tiefe Einschnitte im Leben der beiden. Früher waren sie sehr viel gereist, waren viel unterwegs gewesen, umtriebig, hatten zusammen mit ihrem gemeinsamen Bruder ein eigenes Unternehmen mit mehreren Angestellten geführt. Rolf hat eine erwachsene Tochter, Bruno zwei Söhne. Rolf und Bruno sind beide geschieden.

    Die Warnung kam erst, als es Rolf traf

    Bruno blickt zurück: «Bei Rolf kam es Schlag auf Schlag und bei mir auch. Unser Vater starb mit 66 an einem Hirnschlag. Wir machten uns keine Gedanken darüber. Es gab keinen Grund für eine Warnung, die Warnung kam erst, als es Rolf traf.»

    «Wenn die Ärzte bei Rolf nicht reagiert hätten, wäre mir wohl dasselbe passiert.»
    Bruno

    Man kann sagen, dass es eine gewisse Disposition, eine gewisse Anfälligkeit zur Ausbildung von Gefässerkrankungen wie dem Schlaganfall gibt, allerdings sind wirklich erbliche Schlaganfallursachen sehr selten.

    Er war sehr zufrieden, wie die Ärzte ihn über Rolfs Zustand informiert hatten. Doch einfach war die Zeit nicht. «Wenn ich zurückdenke, war die Reha der schwierige Teil. Ihn zurückzuholen, war der erste Schritt. Aber die Reha brauchte enorm viel Geduld.»

    Keine Zeit für Therapie
    «In dem Moment, wo es passiert,
    kann man nicht denken.
    Die rechte Körperseite, das Kribbeln –
    ich habs einfach ignoriert,
    mich über die Anzeichen hinweggesetzt
    und die Warnung ignoriert.»

    Rolf

    Bruno machte keine Therapie. Er hatte einfach keine Zeit. Und die Mutter war gleichzeitig in einem kritischen Zustand. Doch ihm ist bewusst, dass er den Ärzten viel zu verdanken hat. «Weil man das erhöhte Risiko für einen Schlaganfall so früh erkannte und gleich operierte, bin ich nicht so tief gefallen wie er.» Dafür war er schneller wieder für seinen Bruder da. Für die ganze Woche existierte ein Stundenplan: die Hände benutzen, wieder gehen lernen. Immer wenn nichts geplant war, sprang er ein und therapierte Rolf mit. Ohne seine Hilfe hätte es für Rolf wohl noch länger gedauert.

    Heute hört Rolf besser auf die Signale, die ihm sein Körper sendet. Sie sind beide deutlich ruhiger geworden. Gehen nicht mehr so viel unter Leute und nehmen sich viel mehr Zeit für sich selbst. Im Internet surfen, per Mausklick an Orte «reisen», sich Zeit nehmen für Dinge, auf die sie früher nicht geachtet hatten.

    «Adios Béarnaise» – oder: der typische Mann

    «Adios Béarnaise». Rolfs Menü fiel damals ins Wasser. Doch dass er gerettet wurde und heute – von kleinen Einschränkungen abgesehen – «wieder bei den Leuten ist», ist nicht selbstverständlich. Im Nachhinein kann er darüber lachen. Doch Rolf findet es eine «Arroganz der ersten Güte, wenn man ignoriert, was der Arzt sagt.» Er habe das aber nie gemacht. «Wenn ich kein Vertrauen hätte, müsste ich gar nicht zum Arzt gehen.» Rolf sieht sich nicht als typischen Mann: Der typische Mann geht nicht zum Arzt, weil er Schiss hat. Und wenn er dann geht, ist es zu spät, so dass man nichts mehr machen kann. Aus Schamgefühl gehen Männer nicht oder zu spät zum Arzt. Das ist nicht nur beim Schlaganfall so. Man ignoriert alles, obwohl man es serviert erhält.»

    «Wenn die Ärzte nicht gewesen wären, hätte es mich getroffen, zu 100 Prozent. Und das finde ich heute noch grossartig, dass man so weit denken kann,
    für den Patienten.»

    Bruno

    Die Zwillinge sind noch immer glücklich darüber, dass die Ärzte so weitsichtig gehandelt hatten. Es war sicher Teamwork, dass sie überhaupt auf die Idee gekommen waren, dass ein Hirnschlag drohte. Die kurzzeitige Erblindung konnte übrigens im Nachhinein festgestellt werden. Da wäre Lügen fehl am Platz gewesen.

    Die beiden müssen nur noch jährlich zur Kontrolle erscheinen, das Vertrauen in die Ärzte ist da. Wenn ihnen heute jemand sagt, es gäbe eine Verengung oder es bestünde eine Gefahr, würden sie sofort handeln, während sie früher alles «weggedrückt» hatten.

    Rolf und Bruno sind überzeugt davon, dass Stress ein wichtiger Faktor ist, dass viele durch den Stress gefährdet sind. Dazu komme die schlechte Ernährung, auch junge Leute seien gefährdet. Rauchen sei ebenfalls ein Problem – auch sie konnten bislang nicht von der Sucht lassen.

    Alles vorbei! Oder doch nicht?

    Was hat sich seither geändert? Rolf gibt mehr Acht auf sich. Seine grösste Lehre war, dass er es ohne die Hilfe seines Bruders und seiner Tochter nicht geschafft hätte. Sie habe ihm bestätigt, dass sie ihn brauche, das sei das Allerwichtigste. Sein Wille habe ihn zurückgeholt. Step by step sei er zurückgekommen, mit viel Geduld und Willen. Auch als die anderen Patienten gelacht hätten, als er die 100 Meter im Flur habe laufen wollen. Aufgeben gebe es nicht. Die Ernährung falle nun auch etwas gesünder aus. Das Wichtigste sei aber wohl, dass sie sich viel mehr Ruhe gönnen und auch mal länger schlafen würden. Man merke erst, wie erschöpft man sei, wenn man aufhöre zu rennen. Dann komme die Welle, der Tsunami, wie sie es nannten.

    Carotisoperation schützt 10 bis 15 Jahre lang

    Wie sieht es nun mit der Prävention aus? Die Operation an der Carotis schützt etwa 10 bis 15 Jahre vor einer erneuten Verengung. Doch andere Gefährdungen gibt es natürlich auch. Zu versuchen, den Cholesterinwert und den Blutdruck tief zu halten, ist sicher immer gut, wenn man älter wird. Aber echte Angst vor einem weiteren Vorfall hat Bruno nicht: «Es müsste etwas sehr Grosses kommen, um zu überbieten, was ich erlebt habe. Deshalb habe ich keine Angst. Mir ist aber mehr bewusst, dass etwas passieren könnte.»

    Die beiden haben sich neue Rituale angewöhnt. Bruno macht beispielsweise die Zahlungen für Rolf. Und sie hören sich täglich oder sehen sich, kontrollieren sich gegenseitig. Wenn sie schlafen gehen, schreibt jeder dem anderen und am nächsten Morgen schicken sie sich ein SMS mit «Alles klar!» oder ähnlichem Inhalt.

    Rolf hat mittlerweile einen etwas anderen Blick auf das Leben. Nach dem Schlaganfall sei er zu einem sehr guten Beobachter geworden. Wenn er sich die Leute anschaue, mache er sich ein eigenes Bild. Ihm würden heute Dinge auffallen, die er früher nicht bemerkt habe. 

Fusszeile