Inhalt - Das Expertengespräch

Die Geschichte von Doreen: Fragen an die Expertin

Frau Prof. Heinzelmann, welche Funktion haben Sie am Universitätsspital Basel und worauf haben Sie sich spezialisiert?

Ich bin Chefärztin für Gynäkologie und gynäkologische Onkologie und leite seit 2013 die Frauenklinik des Universitätsspitals Basel. Mein Schwerpunkt sind gynäkologische Karzinome (bösartige Tumore) und das Fachgebiet, in dem ich auch forsche, ist das Ovarialkarzinom, also Eierstockkrebs.

  • Sie haben Doreen als Patientin behandelt. Wie besonders ist dieser Fall?

    Grundsätzlich gehört genau dieser Fall zu meinem Alltag, da ich auf Ovarialkarzinome spezialisiert bin. Bei Doreen war allerdings besonders, dass man den Krebs in einem sehr frühen Stadium entdeckt hat, im Stadium 1a – der Tumor war auf einen Eierstock begrenzt und auch auf der Eierstockoberfläche waren keine Tumore. Bei dieser Patientin wurde der Tumor glücklicherweise gleich im ersten von vier Stadien entdeckt.

  • Was sind besondere Merkmale einer solchen Erkrankung?

    Eierstockkrebs galt lange Zeit als sogenannter «silent killer», also als stiller Mörder, da die Symptome so unspezifisch sind. Zum Beispiel klagt die Patientin über Bauchschmerzen, Blähungen oder ein verändertes Stuhlverhalten. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Daher geht man oft lange von einer Ursache im Darm aus und verliert durch Darmuntersuchungen und -spiegelungen wertvolle Zeit. Die Tumoren werden daher häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt. Wirksame Methoden zur Früherkennung existieren bis heute leider noch nicht.

  • Was geschieht nach der Entdeckung des Tumors?

    «Die Zukunft liegt in der molekularen und in der Immuntherapie.»

    Entdeckt man den Tumor frühzeitig, können wir operieren. Im Stadium FIGO 1a (Doreens Stadium, wobei FIGO eine bestimmte Klassifikationsart beschreibt) werden bei der operativen Therapie die Eierstöcke/Eileiter, die Gebärmutter, das Fettnetz (Omentum) sowie der Lymphknoten entfernt. Anschliessend folgt als zweite Säule die Chemotherapie. Die dritte Säule umfasst die Antikörpertherapie und die Bestrahlung und die Zukunft liegt in der molekularen Therapie und der Immuntherapie. Aber diese Therapien sind noch im Entwicklungsstadium.

  • Wie sah die Therapie bei Doreen aus?

    Doreen hatte sechs Monate lang Chemotherapie, also alle drei Wochen eine Behandlung. Diese finden bei uns in der Frauenklinik ambulant statt. Das heisst, dass die Patientin zu uns ins Ambulatorium kommt und danach wieder nach Hause gehen kann. Wir behandeln bereits 600 Frauen pro Monat. Diese Zahl hat sich seit 2011 verdoppelt. Zusätzlich bieten wir begleitende Massnahmen an, also zum Beispiel psychologische Begleitung (Psychoonkologie), weil man gerade im Bereich der Frauenheilkunde weiss, dass dafür ein hoher Bedarf besteht. Daneben finden auch praktische Kurse statt, in denen Frauen lernen, sich in dieser speziellen Phase zu schminken oder mit der Perücke umzugehen. Denn als typische Nebenwirkung einer Chemotherapie verlieren die Patientinnen oft die Haare – und zwar komplett, auch Augenbrauen und Wimpern. Weil dies das Aussehen stark verändert, können die Frauen in solchen Kursen zum Beispiel lernen, die Augenbrauen mit Make-up zu schminken.

    Ich habe auch komplementärmedizinische Massnahmen an die Frauenklinik «mitgebracht». Hier bin ich wohl eine Ausnahme und am Tumorzentrum eine Art Exotin, denn die Schulmedizin ist grundsätzlich gegen Behandlungen ohne wissenschaftliche Grundlage. Da ich aber der Meinung bin, dass alles, was der Patientin guttut, auch gut für sie ist, gibt es bei uns eben auch Angebote wie Massage oder Akupunktur. Letzteres kann zum Beispiel gegen Übelkeit helfen, die häufig als Nebenwirkung einer Chemotherapie auftritt.

  • Wie haben Sie die Patientin erlebt?

    Doreen ist ein sehr pragmatischer Mensch. Sie hat den ganzen Ablauf der Behandlung sehr gut verstanden und wir konnten jeweils gemeinsam die nächsten Schritte besprechen. Wenn ich ihr sagte, das und das sei nötig, hat sie gesagt: «Okay, let’s do it.» Und sie ist ja von Natur aus sehr positiv und stabil. Ausserdem konnte sie auf ein gutes Umfeld zurückgreifen. Vor allem bei ihrer Partnerin war sie gut aufgehoben und wurde in jeder Phase der Behandlung unterstützt. Das alles ist sehr wichtig.

  • Was macht das Tumorzentrum am Unispital aus?

    Als Tumorzentrum bieten wir fächerübergreifende Diagnostik und Behandlung an. Es muss immer darum gehen, der Patientin bestmöglich zu helfen. Die Behandlungsmöglichkeiten werden immer komplexer, und das gilt auch für die Krankheit. Deshalb lohnt es sich, über den Tellerrand hinauszuschauen, das heisst vermehrt zusammenzuarbeiten und die Organe nicht mehr isoliert zu betrachten. Die Krankheit ist zu komplex geworden, als dass man ihrer allein Herr werden könnte. Du brauchst dafür ein Team. Am Tumorzentrum gibt es übrigens elf verschiedene Organtumorzentren – das gynäkologische Tumorzentrum ist eines davon. Es ist eine Ansammlung von ganz vielen Spezialisten aus unterschiedlichen Fachgebieten, die sich für das Wohl der Patientin sehr eng austauschen.

  • Wie sieht das konkret aus?

    Bezeichnend sind beispielsweise unsere zwei Standardmeetings:

    Erstens das Tumorboard, das bei uns im Unispital auf höchstem Niveau und mit allen Fachdisziplinen stattfindet. Tumorboards gibt es auch in kleineren Spitälern. Jedoch fehlen dort gewisse Spezialisten, weil ein kleineres Spital nicht jede Fachdisziplin anbieten kann. Bei uns wird jede Patientin besprochen und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, zum Beispiel auch vor jedem Therapiewechsel. Das Tumorboard setzt sich aus folgenden Spezialistinnen und Spezialisten zusammen: einem Pathologen, einem Radiologen, einem Kardioonkologen, einem medizinischen Onkologen, einer gynäkologischen Onkologin und einer Genetikerin.

    Zweitens – und das ist schweizweit einzigartig sowie ein «Mitbringsel» aus meiner Zeit in Australien – führen wir jeden Donnerstag ein «Gynäkologisches Onkologie-Meeting» durch. Dieses ist interdisziplinär und interprofessionell. Das heisst, es sind nicht nur Ärztinnen und Ärzte der verschiedenen Fachdisziplinen dabei, sondern alle Berufsgruppen. Also treffen sich medizinische und gynäkologische Onkologinnen, die Pflegefachpersonen, die Diätberaterin, die Physiotherapeutin, die Schmerztherapeutin, die Sozialarbeiterin, jemand vom Case Management, der Pharmazeut, der Ethiker und die Palliativmedizinerinnen. In dieser Institution besprechen wir alle Karzinompatientinnen auf unserer gynäkologischen Bettenstation. Wenn beispielsweise die Diagnose gestellt ist, besprechen wir, welche Therapie angeboten werden sollte. Auch bei Rückfällen, sogenannten Rezidiven, diskutieren wir einen möglichen Therapiewechsel. Dabei geht es immer darum, der Patientin so gut wie möglich zu helfen, und dafür zu sorgen, dass alle Informationen von allen Personen, welche die Patientin betreuen, zusammenkommen. Wir müssen alle am gleichen Strick ziehen, um die bestmögliche Behandlung zu garantieren.

    Unsere Experten am Tumorzentrum haben grosse Erfahrung. Quantität spielt dabei eine grosse Rolle: Wenn eine Ärztin 30 oder 40 Mal pro Jahr einen Tumor operiert, steigt die Qualität. Das haben zahlreiche Studien nachgewiesen. Auch die Struktur an einem Universitätsspital ist ausschlaggebend. So haben wir beispielsweise die Pathologie, die die Gewebeproben untersucht, direkt im Haus. Wenn wir also operieren, kann der Pathologe uns noch während der Operation bestätigen, ob es wirklich ein Karzinom ist oder nicht. Somit benötigt die Patientin gegebenenfalls nur eine Operation.

  • Gibt es weitere Besonderheiten, die Sie im Gynäkologischen Tumorzentrum eingeführt haben?

    «Wir gehen bei unseren Gedanken immer weniger isoliert vom Organ aus, sondern fragen vielmehr nach der zugrundeliegenden genetischen Veränderung.»

    Da die genetischen Veranlagungen und Veränderungen extrem relevante Themen im Tumorzentrum sind, habe ich im gynäkologischen Onkologie-Ambulatorium eine neue Expertensprechstunde für genetische Beratungen bei BRCA-Mutationen eingeführt. Gerade in der Prävention ist es wichtig zu wissen, wenn Angehörige über drei Generationen ein Ovarial-, Mamma-, Prostata- oder Pankreaskarzinom hatten. Dann könnte eine genetische Komponente vorliegen. Letztes Jahr hatte man aufgrund der BRCA1-Mutation, die ja in der Familie von Angelina Jolie vorliegt, viel darüber in der Zeitung gelesen.

  • Sie selbst sind auch in der Forschung sehr aktiv tätig. Gibt es Meilensteine auf Ihrem Fachgebiet?

    Bezüglich meines Fachgebiets Ovarialkarzinom wissen wir seit 2007, dass wahrscheinlich ein Grossteil der serösen Karzinome, also einer bestimmten Art von Karzinomen, ihren Ursprung im Eileiter (Tube) haben, das heisst in Wirklichkeit Eileiterkarzinome sind, und nicht wie angenommen in den Eierstöcken. Meine eigene Forschungsgruppe ist zu Ergebnissen gelangt, die zeigen, dass auch ein Ovarial- und ein Bauchfellkarzinom nicht dasselbe sind, dass beide wahrscheinlich ebenfalls vom Eileiter herkommen und sich dann unterschiedlich weiterentwickeln. Momentan ist die vorherrschende wissenschaftliche Meinung, dass alle Karzinome ihren Ursprung im Eileiter haben, und sie werden auch entsprechend behandelt. Aber in unserer Forschungsgruppe können wir zu 100 Prozent unterscheiden, ob ein Karzinom vom Eileiter oder vom Bauchfell herkommt. Ich gehe davon aus, dass wir in zehn Jahren sehr genau zwischen Eileiter-, Bauchfell- und Bauchhöhlentumoren unterscheiden können. Unser Forschungsteam ist hier an vorderster Front tätig.

  • Wie sieht die Zukunft aus, in welche Richtung geht die Entwicklung?

    Heute forschen wir viel in Richtung Genveränderungen, und dies nicht mehr isoliert je nach Organ. Vielmehr finden wir Übereinstimmungen zwischen Tumoren in verschiedenen Organen. Patientinnen werden in Zukunft weniger nach dem Ort des Tumors behandelt werden, sondern nach der Art der Tumorveränderung, also der Mutation. Denn es kann vorkommen, dass die Verwandtschaft mit einem anderen Tumor, der die gleiche Mutation hat, grösser ist als mit einem Tumor im gleichen Organ. Hier kommt uns unser fachübergreifender Ansatz im Tumorzentrum wieder besonders zugute.

  • Das Unispital etabliert derzeit zwei neue Kompetenznetzwerke für molekulare Tumortherapie und Immuntherapie. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

    Die Zukunft liegt in der molekularen und in der Immuntherapie. Immuntherapien zum Beispiel vermögen die Immunabwehr gegen den Tumor zu aktivieren. Viele Tumoren werden heutzutage nicht mehr nach der Organherkunft, sondern nach den veränderten Genen beurteilt. Danach orientiert sich ein Tumorboard und wir lernen von der Therapie bei anderen Organen, die aber die gleichen Mutationen aufweisen. Das Kompetenzzentrum für Immuntherapie hat vor allem die Nebenwirkungen dieser komplett neuen Therapiegattung zum Gegenstand. Diese Nebenwirkungen sind noch gänzlich unbekannt und es fehlen Langzeitergebnisse. Wir selbst werden die erste erhältliche Immuntherapie beim Ovarialkarzinom (PD-L1) im Rahmen einer Studie ab 2016 anbieten.

  • Gibt es eine Empfehlung, die Sie Frauen mitgeben möchten?

    Eigentlich sind es zwei Empfehlungen. Erstens empfehle ich, dass man bei unspezifischen Symptomen wie zunehmenden Blähungen, Veränderungen im Stuhlgang oder im Bauch nicht nur den Darm abklären lassen sollte. Mit einem Ultraschall und einem Tumormarker könnte man der Sache auf den Grund gehen. Meine zweite Empfehlung betrifft die Genetik: Fragen Sie in Ihrer Familie nach, denn die familiäre Geschichte ist wichtig. Wenn Sie in der Familie eine Vorbelastung haben, einen Brust-, Eierstock-, Prostata- oder Pankreastumor, dann lassen Sie sich beraten. Bei frühzeitiger Erkennung ist so viel möglich.

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