Inhalt - Die Geschichte von Doreen

  • Die Geschichte von Doreen

    Kein Schock, eher surreal: Diagnose Krebs

    «Es war eher surreal als schockierend.»
    Doreen

    Doreen arbeitet viel. Das tat sie schon immer. Sie mag es stabil. Zurzeit ist sie bei einem weltweit tätigen Unternehmen aus der Chemiebranche in Basel angestellt und führt Audits durch. Es ist eine Tätigkeit, die sie vor allem deswegen liebt, weil sie mit Menschen Kontakt hat. Sie liebt Menschen. «Menschen sind gut. Menschen sind stolz auf das, was sie tun.» Man spürt es, wenn man mit ihr spricht. Ihr Blick ist offen, neugierig, fast fordernd. Dieser Lebenshunger, diese Aufmerksamkeit, diese Art, die Umgebung wahrzunehmen, die Menschen um sich herum!

    An dem schicksalhaften Tag erfuhr Doreen am Telefon von ihrem Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe: «Sie haben Krebs. Eierstockkrebs im ersten Stadium.» Die Nachricht traf sie nicht wie ein Schock, sie brach nicht zusammen wegen der Diagnose und kriegte auch keinen Heulkrampf.

    Etwas ist ganz anders
    «Bei dieser Krebsart gibt es verschiedene Probleme: Zum Beispiel sind die Symptome unspezifisch. Erste Symptome wie etwa unerklärbare zunehmende Bauchschmerzen und Blähungen können viele Ursachen haben.»
    Prof. Dr. Heinzelmann

    «Als ich später meine damalige Chefin traf, die bereits von meiner Diagnose wusste, und sie mir über den Campus entgegenlief, weinend – erst da dachte ich: Oh mein Gott, was ist jetzt Schlimmes passiert?» Dass sie selbst und nicht etwa die Chefin betroffen war, war nicht so wichtig. Sie merkte bloss, dass etwas anders war. Im ersten Moment begriff Doreen das Ausmass der Nachricht noch gar nicht.

    Häufig kommen die Patientinnen relativ spät zur Ärztin oder zum Arzt, wenn die Krankheit schon fortgeschritten ist. Das ist ein weiteres Problem: Man entdeckt die Krankheit erst spät – so sind die Heilungs- und die langfristigen Überlebenschancen geringer als bei anderen gynäkologischen Krebserkrankungen.

    Die frühe Erkennung ist 1a!

    Doreen ist eine Ausnahmeerscheinung. Nicht nur, weil ihre Reaktion relativ gelassen ausfiel, sondern auch, weil man ihr Ovarialkarzinom so früh erkannt hatte. Stadium 1a bedeutet einerseits, dass das Karzinom im ersten von vier Stadien festgestellt wurde, andererseits steht das «a» für den Isolationsgrad. 1a heisst somit: Der Tumor ist auf ein Ovar, also auf einen Eierstock, beschränkt, die Kapsel ist intakt und auf der Ovaroberfläche befindet sich kein Tumor.

    Doreens Geschichte beginnt in den USA. Sie war zu einer Nachuntersuchung bei ihrem Arzt, unmittelbar bevor es in die Schweiz ging. Er checkte sie durch und meinte auf einmal: «Oh, Sie haben Eierstockkrebs.» Doreen konsultierte einen Onkologen, einen exzellenten älteren Arzt, der meinte, es handle sich um eine gutartige Zyste. «Was soll ich tun?», fragte Doreen. «Entweder können Sie die Hysterektomie jetzt haben ¬– oder Sie warten einfach ab.» Abwarten oder die Gebärmutter operativ entfernen lassen – was für eine Wahl! «Was meinen Sie?», fragte Doreen den Spezialisten. «Gehen Sie in die Schweiz, die haben gute Ärzte dort drüben.»

    Nun sind die Schweizer Ärzte gefordert

    In der Schweiz wurde Doreen erneut untersucht. Der Eierstock sah seltsam aus, nicht wie Krebs, einfach anders als sonst. Ihr Gynäkologe beschloss zu operieren. Er entfernte den Eierstock. Später meldete er sich wieder bei Doreen, sprach über einen Tumor und Doreen verstand nicht wirklich, worum es ging, was er genau sagte. «Sagten Sie gerade, ich hätte Krebs?», fragte sie und ihr Gynäkologe sagte ja. Er rief schliesslich das Universitätsspital Basel an und dann ging es ruck, zuck. Von da an traten Prof. Viola Heinzelmann und Dr. Rosanna Zanetti in Doreens Leben. Prof. Heinzelmann, Doreens behandelnde Ärztin, Leiterin der Frauenklinik am USB sowie Chefärztin Gynäkologie und gynäkologische Onkologie, sagt ebenfalls, dass Eierstockkrebs oft zu spät erkannt werde. Meistens gehe man davon aus, dass die Symptome mit dem Darm zusammenhängen würden. Mit zahlreichen Untersuchen verliere man dann wertvolle Zeit.

    Eine zweite Operation ist unvermeidbar

    Am Unispital Basel entfernte ihr Dr. Zanetti in einer zweiten Operation die Gebärmutter, beide Eileiter und alle Lymphknoten. Darauf folgte die Chemotherapie. Die Zeit im USB hat Doreen in guter Erinnerung: Während der rund zehn Tage, die sie hier verbringen musste, konnte sie oft im Garten spazieren gehen. Man hat sich sehr liebevoll um sie gekümmert. Dies ist sie aus den USA nicht gewohnt. Dort kann es Minuten, sogar Stunden dauern, bevor jemand auf das Klingeln aus den Patientenzimmern reagiert. Denn für jeden Stock ist genau eine Pflegefachperson zuständig. «In den USA ist man im Gesundheitswesen sehr aufs Geld bedacht», sagt Doreen. «Gehst du nach einer Operation in weniger als 24 Stunden wieder raus, wird der Tag nicht in Rechnung gestellt.»

    «Im Unispital dauerte es höchstens eine Minute, bis jemand nach mir schaute.»
    Doreen

    In den Zimmern stehen Tische, die zum Sitzen und Verweilen einladen. So können die Patientinnen wählen, ob sie am Tisch sitzend oder im Bett liegend essen wollen. Dadurch fühlt es sich mehr wie zuhause an. Alles ist irgendwie «normal». Auch konnte sie draussen an der Sonne spazieren gehen, sah andere Menschen, konnte mit ihnen reden – für eine gesellige und offene Frau wie Doreen ein wichtiger Punkt, der zum Gesundwerden beitrug. Und das Essen war gut. Für Doreen steht fest: Egal, wo du bist, überall passiert Gutes und Schlechtes. «devils and angels», wie sie es nennt. Krankheit und Fürsorge, Krebs und Medizin.

    Doreen findet «mental peace»
    «Ich habe meinen Ärztinnen und Ärzten in Basel immer vertraut und mochte die Art, wie sie sich um mich kümmerten.»
    Doreen

    Doreen hatte innerhalb von sechs Monaten sechs Chemotherapien, alle drei Wochen eine Session. Die Chemo hat sie immer gut vertragen: Sie ging zum USB, erhielt ambulant die Chemotherapie in der gynäkologisch-onkologischen Ambulanz im vierten Obergeschoss der Frauenklinik und durfte anschliessend wieder nach Hause gehen. Daneben bietet die Frauenklinik weitere begleitende Therapien wie Psychoonkologie an. Darauf angesprochen, wie sie ihren Spitalaufenthalt erlebt habe, erinnert sich Doreen zuerst an die Menschen: «Die Pflegefachpersonen waren wirklich fantastisch.» Sie fühlte sich gut aufgehoben. Und dieser «mental peace», dieser mentale Frieden, wie sie es nennt und den sie gefunden hat, sei für die Heilung extrem wichtig.

    Für sie steht fest: Man muss einerseits seinem Körper vertrauen, darauf hören, was er sagt, andererseits aber auch den Fachleuten.

    Das Leben geht weiter und was sind schon zwei Monate?

    Doreen betonte immer wieder: «I just kept going.» Das Leben ging weiter und Doreen machte einfach weiter und arbeitete weiter. Eine Auszeit zu nehmen und sechs Monate zu reisen, wäre wunderbar gewesen; und im Nachhinein denkt sie auch, sie hätte sich ohnehin zwei Monate mehr Zeit nehmen sollen für die Genesung. Was sind schon zwei Monate? Doch diese Haltung zeigt auch Doreens Wesen: Stabilität ist ihr sehr wichtig. So sehr, dass sie ein stabiles Leben, den geordneten Gang der Dinge, einer Reise vorzog.

    Und was war das schlimmste Erlebnis? Doreen sagt, das sei damals gewesen, als sie mit ihrer Partnerin von Reigoldswil nach Wasserfallen hinaufwandern wollte. Sie sagte zu sich: «Geh weiter!», aber es reichte nicht. Sie konnte nicht weitergehen. Nach 100 Metern umzukehren und sich eingestehen zu müssen, dass es schlicht nicht geht – das war hart.

    Das Schicksal meinte es gut

    «Ich bin sehr glücklich, über die Erfahrungen, die ich gemacht habe. Das Schicksal meinte es gut mit mir: eine frühe Diagnose, eine hervorragende Pflege und positive Resultate.» Noch bleiben einige Wünsche für die Zukunft: gesund zu bleiben, sich frühzeitig pensionieren zu lassen. Und dann bleibt noch ein weiterer grosser Traum: etwas Eigenes zu besitzen, etwa ein kleines Hotel.

Fusszeile