Inhalt - Das Expertengespräch

Die Geschichte von Silvia: Fragen an den Experten

Herr Prof. Schären, welche Funktion haben Sie am Universitätsspital Basel und worauf haben Sie sich spezialisiert?

Ich bin Chefarzt der Abteilung für Spinale Chirurgie und gleichzeitig der Leiter des Wirbelsäulenzentrums des Unispitals Basel. Als Wirbelsäulenchirurg führe ich grössere und kleinere Operationen an der gesamten Wirbelsäule durch.

  • Was macht das Wirbelsäulenzentrum aus?

    Das Wirbelsäulenzentrum gibt es seit letztem Jahr. In diesem Zentrum sind alle Spezialisten, die mit der Abklärung und Therapie von Wirbelsäulenleiden zu tun haben zusammengeschlossen, wie z.B. Radiologen, Neurologen, Rheumatologen, Wirbelsäulenchirurgen, Physiotherapeuten und Schmerztherapeuten. Der Vorteil dieser engen interdisziplinären Zusammenarbeit ist, dass Abklärung und Therapie von Patientinnen und Patienten mit einem Wirbelsäulenleiden von Anfang an koordiniert und individuell auf das Problem zugeschnitten werden. Gleichzeitig können unnötige Untersuchungen und unwirksame Therapien vermieden werden. Die Spinale Chirurgie innerhalb des Wirbelsäulenzentrums ist die erste Abteilung in der Schweiz, in der Ärzte aus zwei verschiedenen Disziplinen, die an der Wirbelsäule operieren, in der gleichen Abteilung unter einer Leitung zusammenarbeiten: Neurochirurgen und Orthopäden. Das gab es bisher nicht. Den Patientinnen und Patienten können so interdisziplinäres Know-how und sämtliche zur Verfügung stehenden Versorgungsmöglichkeiten rund um die Wirbelsäule angeboten werden. Eine Diskushernie (Bandscheibenvorfall) operieren kann man in fast jedem Spital. Was wir hier machen, geht einen grossen Schritt weiter in Richtung Zukunft mit hoch spezialisierter Wirbelsäulenchirurgie.

  • Wie kam es dazu?

    Das Wissen hat in den letzten 20 Jahren extrem zugenommen und somit auch die Spezialisierung der Ärzte. Früher behandelte der Orthopäde den gesamten Bewegungsapparat: Schulter, Hände, Hüfte, Knie, Füsse und auch die Wirbelsäule. Im Rahmen der zunehmenden Spezialisierung konzentrieren sich einige Orthopäden nur noch auf die Wirbelsäule. Hierbei umfasst die Expertise dann neben der Behandlung der knöchernen Strukturen auch die der Bandscheiben und Nerven. Zu einer ähnlichen Spezialisierung kam es auch beim Neurochirurgen: Ursprünglich (und im Rahmen seiner Ausbildung) behandelte er alle Erkrankungen am Gehirn, Rückenmark und Nerven, inklusive der Bandscheibenvorfälle, welche die Funktion der Nerven beeinträchtigen können. Durch Konzentration auf Erkrankungen der Wirbelsäule werden zusätzlich zu den „weichen“ Strukturen (Rückenmark, Nerven und Bandscheiben) nun auch die knöchernen Strukturen mit in die Behandlung einbezogen. Die Wirbelsäule ist also eine Schnittstelle zwischen den beiden Spezialisten. Sie ist ein Organ, welches aus Knochen, Bandscheiben und Nerven besteht– das alles gehört zusammen. Heute darf die Wirbelsäule nicht mehr isoliert in Einzelteilen betrachtet werden, sondern muss umfassender und von verschiedenen Perspektiven aus beleuchtet werden.

  • Wie geht diese Entwicklung weiter?

    Der Trend geht dahin, dass ein Chirurg nicht mehr von allem ein bisschen macht, sondern etwas ganz Spezielles sehr oft. So werden allgemeine Orthopäden und Neurochirurgen zu Spezialisten, die ihre Operationen perfekt beherrschen, beispielsweise eine Bandscheibenoperation. Der Trend geht weiter in Richtung interdisziplinäre Zusammenarbeit. Bei der grossen Operation von Silvia S. überwachten Spezialisten während der Operation die Auswirkungen auf die Nervenfunktion der Patientin. Vereinfacht gesagt: Wenn wir die Stellung der Wirbelsäule so stark korrigieren müssen, kann unter Umständen die Nervenfunktion beeinträchtigt werden. Heute ist es möglich die Nervenfunktion bei solchen komplexen Engriffen zu überwachen und eine Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Solch eine Überwachung z.B. können Sie nur in einem Zentrum anbieten, das über die entsprechende Infrastruktur verfügt, wie wir sie hier haben.

  • Was war die Diagnose von Silvia S. und wie konnte das Universitätsspital Basel helfen?

    Bei Frau S. war der Fall so: Als sie zu uns kam, war sie bereits voroperiert (Bandscheibenvorfall und Wirbelkanalstenose), hatte allerdings noch immer Wirbelsäulenbeschwerden. 2007 nahmen wir im Universitätsspital eine sogenannte Versteifungsoperation vor. Das heisst, drei Wirbel im Lendenbereich wurden miteinander verbunden und der gesamte Abschnitt versteift. Eine typische Folge davon ist leider, dass die Wirbel und Bandscheiben oberhalb der Versteifung viel mehr beansprucht und überlastet werden. Relativ viele Jahre ging es Frau S. dennoch gut, dann traten wieder Beschwerden auf. Ich habe damals Frau S. erklärt, dass ein grösserer Eingriff nötig wäre, um das Problem langfristig in den Griff zu bekommen. Sie wollte es aber erst mit einer kleineren Operation probieren. Also operierte ich die Bandscheibe, die aufgrund der Überbelastung Probleme verursachte. Doch das reichte leider nicht aus. Einige Monate später mussten wir die grosse und sehr komplexe Operation durchführen.

  • Wie sah dieser Eingriff aus?

    Frau S. entwickelte wegen der Abnützung der Bandscheibe oberhalb der früheren Versteifungsoperation eine Instabilität und Schmerzen. Wenn man nur die Bandscheibe operiert, funktioniert es in so einem Fall meistens längerfristig nicht. Es kam zu einer zunehmenden Fehlstellung der Wirbelsäule. Der Oberkörper fiel weiter nach vorne und es wurde weiter Bandscheibenmaterial herausgedrückt. Bei dieser komplexen Operation führten wir deshalb eine Stellungskorrektur der Wirbelsäule durch, um die ursprüngliche S-Form wieder herzustellen. Die Wirbelsäule wurde dort, wo sie versteift war, durchtrennt und anschliessend in einer neuen, günstigeren Position wieder fixiert. Dazu musste ich im Wirbel einen Keil herausschneiden, eine sogenannte Keilosteotomie, und den Wirbel im hinteren Anteil zusammendrücken. Dadurch konnte die nach vorne gekippte Wirbelsäule wieder aufgerichtet werden.

  • Was wäre ohne Eingriff geschehen?

    Silvia S. wurde von der nach vorne gekippten Wirbelsäule durch die Schwerkraft immer weiter nach vorne und Richtung Boden gezogen. Durch den ständigen Versuch, sich aufzurichten, wird die Rückenmuskulatur enorm beansprucht. Silvia S. schaffte es kaum noch, den Körper aufrecht zu halten, und schon vom Stehen allein wurde sie müde. Dieser Zustand hätte sich ohne Operation stetig verschlechtert.

  • Als Wirbelsäulenspezialist haben Sie ihr von Anfang an geraten, diesen grossen Eingriff durchführen zu lassen?

    Man muss sich immer bewusst sein, dass man später meist weniger Probleme hat, wenn man etwas von Anfang an richtig macht, auch wenn dies unter Umständen einen grösseren Eingriff bedeutet. Bei der ersten Versteifungsoperation sah man sich damals nur das Problem mit den Bandscheiben an und eben nicht die gesamte Wirbelsäule. Es ist enorm wichtig, das Gesamtbild im Blick zu halten. Da sind wir heute sicher weiter als damals 2007. Der Blick fürs Ganze ist entscheidend.

    Bei ihr war eine solch grosse Operation nötig, um die Stellung wieder zu normalisieren. Damit die Kräfte wieder im Gleichgewicht sind, braucht es manchmal so grosse Operationen. Frau S. hat nun wieder eine gesunde, stabile Haltung.

  • Muss die Patientin befürchten, dass es erneut zu einem Vorfall kommt?

    Das Alter und die Abnützungserscheinungen können wir natürlich auch mit den Operationen nicht aufhalten, es könnte also an einer anderen Stelle zu einem neuen Vorfall oder Abnützungserscheinungen kommen, welche der Patientin wieder Beschwerden bereiten.

  • Was geschah nach der Operation bei Silvia S.? Musste sie zur Therapie?

    Während der Heilungsphase musste sie ein Korsett tragen, anschliessend hatte sie auch noch regelmässig Physiotherapie. Mittlerweile kann sie ihren Alltag wieder gut bewältigen: Sie kann z.B. problemlos Einkaufen gehen und längere Spaziergänge machen. Da die Rückenmuskulatur nun nicht mehr ständig versuchen muss, die Wirbelsäule aufzurichten, sind auch diese Schmerzen und Ermüdungserscheinungen nicht mehr vorhanden.

  • Wie sieht die Zukunft aus?

    Ein Schwerpunkt der Forschung in unserem Fachgebiet ist z.B. die Frage nach den Ursachen der Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule und eventuellen (frühzeitigen) Behandlungsmöglichkeiten ohne Operation. So gibt es z.B. eine bestimmte Hunderasse, bei der auch im vergleichsweise hohen Alter keine relevanten Abnutzungserscheinungen an der Wirbelsäule auftreten. Mitarbeitende von mir sind Teil einer internationalen Forschungsgruppe, welche bereits einige Ursachen, warum bei diesen Hunden keine Abnutzungserscheinungen auftreten, herausfinden konnte. Die nächste grosse Herausforderung wird nun sein, dieses Wissen auch auf den Menschen anzuwenden. Das geschieht natürlich nicht von heute auf morgen, aber bereits kleinere Erfolge würden uns und unserer Patienten ein grosses Stück voranbringen.

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