Die Geschichte von Omar Aleid

28. Oktober 2022, Tanja Steiger

 

«Mich haben viele gute Leute hier auf meinem Weg begleitet.»

 

Omar Aleid, heute 27 Jahre alt und erfolgreicher Medizinproduktetechnologe EFZ am USB, ist kurz vor seiner Matur aus Syrien geflüchtet. Wie hat er es geschafft, hier in der Schweiz und am Unispital so schnell Fuss zu fassen? Von wem hat er Unterstützung erhalten? Das erzählt uns Omar Aleid selbst.

2023-11-29, 12:59 Uhr

Kurz vor dem Abschluss kam der Krieg

«Der Krieg in Syrien brach aus, als ich im Abschlussjahr des Gymnasiums war, und ich und meine Familie mussten das Land verlassen – auch, weil ich ins Militär eingezogen werden sollte. Wir flüchteten in den Libanon, wo ich heimlich eine Abendschule besuchte. Die Polizei entdeckte das aber und so lernte ich zu Hause weiter für die Prüfungen, die ich erfolgreich abschloss. Parallel habe ich während dieser Zeit immer gearbeitet. Nach drei Jahren im Libanon beschlossen wir, in die Schweiz zu gehen», erzählt Omar Aleid seine Geschichte.

«Hier angekommen, lernte ich zuerst mal intensiv Deutsch an einer Sprachschule und absolvierte nach einiger Zeit das B2-Zertifikat. Schon bald kam ich in Kontakt mit Personen, die mich bei meinem Ziel, eine Ausbildung zu absolvieren, unterstützten – alles auf Freiwilligenbasis. Sie halfen mir bei meinen Bewerbungen und stellten den Kontakt zum USB her, und schon bald hatte ich die Zusage für ein Pflegepraktikum. Eigentlich wollte ich ja immer Mathe studieren oder Chirurg werden, aber die Pflege erschien mir ebenfalls ein guter Weg – vor allem, weil ich viel Erfahrung mit der Pflege meines Bruders mitbrachte, der im Rollstuhl sitzt.» Omar Aleid arbeitete innerhalb seines Praktikums während mehr als einem Jahr in der Chirurgischen Tagesklinik. Danach war für ihn klar, dass er sich hier zum Fachmann Gesundheit EFZ ausbilden lassen wollte.

Pflege – oder doch etwas anderes?

«Wir von der Berufsbildung waren schon während seines Praktikums auf Omar Aleid aufmerksam gemacht worden. Er hatte super Feedback erhalten», erzählt die Berufsbildungsverantwortliche Cornelia Bödekker. «Beim Bewerbungsgespräch waren wir uns aber nicht sicher, ob Pflege das Richtige für ihn war. Wir führten mehrere Gespräche mit ihm und stellten ihm auch das durchlässige Schweizer Bildungssystem vor. Aufgrund seiner Leidenschaft für Mathematik und Technisches sowie durch seinen ursprünglichen Berufswunsch Chirurg schlugen wir Omar eine Schnupperwoche als Medizinproduktetechnologe vor. Diesen neuen Beruf konnte man damals seit zwei Jahren am USB lernen.»

 

Omars anfängliche Skepsis verflog schnell und wich während der Woche einer grossen Begeisterung. «Ich war überrascht, wie interessant das war. Die chirurgischen Instrumente – unglaublich! Das Team war sehr nett und hilfsbereit, alle haben mir viel erklärt und geholfen. Nach der Woche war für mich klar: Ich will Medizinproduktetechnologe werden.» Auch während der Lehre verlor die Ausbildung für Omar Aleid nie ihre Faszination – vor allem, weil er jeden Tag etwas Neues lernte.

 

Eine (fast) ganz normale Lehrzeit

 

Während des Bewerbungsprozesses lernte Omar Aleid auch Sabrina Meier kennen. Sie ist verantwortlich fürs Ausbildungsmanagement am USB und war für ihn während seiner ganzen Ausbildungszeit eine wichtige Anlaufstelle. «Omar kam oft zu mir, wir trafen uns zeitweise vierzehntäglich», berichtet Sabrina Meier. «Wir sprachen dabei über seine Ausbildung, aber auch über Privates – ich habe ihn bei allem unterstützt, das ihn beschäftigte. Der Fokus lag auf Ressourcenarbeit: Immer wieder habe ich ihm vor Augen geführt, was er alles schon geschafft hat und ihm gezeigt, wie er von diesen positiven Erfahrungen profitieren kann. Trotz dieser Begleitung hat sich seine Lehre sehr normal gestaltet – er hatte weder spezielle Unterstützung in Deutsch noch sonstige Sonderbedingungen. Ich war immer wieder beeindruckt, was er leistet, und bin es auch heute noch.»

Diese Begleitung fand in Absprache und im Austausch mit Cornelia Bödekker statt – auch sie war immer informiert, wie es Omar während seiner Lehre ging. «Grundsätzlich würde ich sagen: Omar Aleid war während der ganzen Zeit einfach ein ganz normaler Auszubildender», erinnert sich Cornelia Bödekker. «Erst wenn man über seinen Hintergrund als Geflüchteter nachdenkt, versteht man, was er in dieser Zeit alles geleistet hat. Klar sehe ich in der Bewerbung, dass jemand ein sogenannter "Flüchtling" ist, aber wenn die Kriterien erfüllt sind, ist das nicht weiter relevant für mich.» An dieser Stelle betont Cornelia Bödekker auch das tolle Team, das Omar in der Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte (AEMP) um sich hatte. «Hier findet Ausbilden mit Herz statt. Das sind einfach besonders tolle Leute dort, die sich ihren Lernenden mit einer einzigartigen Zugewandtheit widmen.»

 

Ab in die Zukunft – auf welchem Weg auch immer

Omar Aleid hat seine Ausbildung am Unispital erfolgreich abgeschlossen und arbeitet seit ein paar Monaten im selben Team als Medizinproduktetechnologe. «Ich hatte die Zusage für die Feststelle schon im Frühling, also vor meinem Abschluss, erhalten. Das hat mich total gefreut! Ich finde aber auch, dass ich mir das verdient habe», fügt er schmunzelnd hinzu. Wie es jetzt beruflich für ihn weitergeht, weiss er noch nicht so genau – sicher möchte er aber am Universitätsspital bleiben.

 

«Vielleicht mache ich die Berufsbildnerausbildung, vielleicht studiere ich irgendwann nebenbei noch Mathe oder mache eine Weiterbildung an der FH – wer weiss», sagt er. Momentan steht für Omar eher seine Unabhängigkeit im Zentrum, alles andere hat Zeit. «Anderen Personen, die ihr Land verlassen müssen und hierherkommen, würde ich mit auf den Weg geben: Bleibt dran, strengt euch an, es lohnt sich! Mir fällt da immer diese deutsche Redensart ein, "immer am Ball bleiben" – genau darum geht es. Nie aufgeben! Hier in der Schweiz gibt es so viele gute Menschen, die einen auf dem Weg begleiten. Ich bin auch dem USB und den Leuten, die mich unterstützt haben, sehr dankbar. Es ist toll, dass ich die Chance für eine Ausbildung erhielt – und für eine Feststelle.»

 

Eine Ausbildung am USB?