Inhalt - Das Expertengespräch

Die Geschichte von Natalia: Fragen an den Experten

Herr Prof. Passweg, welche Funktion haben Sie am Universitätsspital Basel und womit beschäftigen Sie sich vorwiegend?

Ich bin Chefarzt der Klinik für Hämatologie und betreue vorwiegend Patientinnen und Patienten mit Blutkrankheiten, leite die Klinik und wenn Zeit bleibt, forsche ich auch noch. Daneben bin ich auch ehrenamtlich tätig, zum Beispiel als Präsident der Krebsliga Schweiz.

  • Ist der Fall von Natalia S. etwas Spezielles oder eher etwas Alltägliches für Sie?

    Jede Patientin und jeder Patient ist etwas Spezielles, ein Individuum. Aber selbstverständlich haben wir Erfahrung mit dieser Art Behandlung, wir führen jährlich ungefähr 130 Stammzelltransplantationen durch. 2015 waren es exakt 131

     

  • Wie lautet die Diagnose von Frau S.?

    Bei der Patientin wurde eine akute lymphatische Leukämie diagnostiziert, allerdings nicht von uns, sondern in einem auswärtigen Zentrum, in welchem sie auch behandelt wurde. Erst nachdem Frau S. auf die Chemotherapie ansprach und als klar war, dass wir mit ihrer Schwester eine kompatible Stammzellspenderin gefunden hatten, kam sie zu uns. Wir besprechen jeden Patienten in der Indikationenkonferenz des Behandlungszentrums Stammzelltransplantation und tauschen uns auch mit dem zuweisenden Zentrum aus.

  • Wie werden Stammzellen denn eigentlich gewonnen?

    Blutbildende Stammzellen können grundsätzlich auf drei Arten gewonnen werden: als Knochenmarkentnahme (operativ), als periphere Blutstammzellspende (was bei der Schwester von Natalia der Fall war) oder aus Nabelschnurblut. Oft werden Rücken- und Knochenmark durcheinandergebracht: Das Rückenmark ist ein Bündel von Nervenbahnen in der Wirbelsäule (vgl. das Interview mit Prof. Dr. Schären, Chefarzt der Abteilung für Spinale Chirurgie), Knochenmark liegt im Innern der Knochen und dient bei Erwachsenen quasi als «Blutfabrik».

  • Holen Sie eine Zweitmeinung ein?

    Bei schwierigen Fragestellungen, ja. Bei einer akuten Leukämie ist die Indikation – also das, was aus medizinischer Sicht getan werden muss – relativ etabliert. Es gibt Leukämieformen mit niedrigem und solche mit hohem Rückfallrisiko. Im ersten Fall gibt es eine Chemotherapie, im zweiten Fall erst eine Chemotherapie und dann eine Stammzelltransplantation. Diese Risikoeinteilung erfolgt aufgrund genetischer Tests an den Leukämiezellen.

  • Gibt es weitere Formen der Betreuung?

    Bei uns steht zusätzlich psychoonkologische Unterstützung zur Verfügung bzw. ein Pfarrer für die Seelsorge. Die kommen auf die Abteilung und sprechen mit den Betroffenen – wenn sie es wünschen. Das Schlimmste wäre, während der Therapie Zweifel zu äussern und den Betroffenen den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Eine Patientin, die eine solche Therapie macht, muss man tragen, ihr helfen, sie stützen.

  • Wie lief das bei Natalia ab?

    Bei Natalia war das Rückfallrisiko relativ hoch. Sie erhielt in einem anderen Zentrum eine starke Chemotherapie und war – bevor sie zu uns kam – während sechs Wochen auf der Isolierstation im Einzelzimmer. Die Spenderin, in diesem Fall ihre Schwester, und die Empfängerin müssen gewebeidentisch sein. Je identischer sie sind, desto geringer ist das Risiko bei einer Stammzelltransplantation. Bevor man Natalia die fremden Blutstammzellen übertragen konnte, mussten wir einige Voruntersuchungen durchführen. Zum Beispiel das aktuelle Krankheitsstadium und den Allgemeinzustand bestimmen sowie die wichtigsten Organe wie Herz, Nieren und Leber überprüfen, um sicherzugehen, dass der Körper für die bevorstehende Behandlung stabil genug ist. Sie musste sechs Wochen auf der Isolierstation im Einzelzimmer verbringen. Während dieser Zeit wird das Immunsystem quasi „lahmgelegt“.

  • Wie sah die Behandlung konkret aus?

    Die Stammzelltransplantation besteht aus zwei Abschnitten: die Konditionierung, die Phase, in der das Knochenmark für die neuen Blutstammzellen vorbereitet wird, und die  tatsächliche Stammzelltransplantation. Zur Konditionierung erhielt Natalia eine Hochdosis-Chemotherapie, welche die Leukämiezellen und das blutbildende Knochenmark, das durch den Leukämiebefall erkrankt ist, zerstören soll. Die gesunden Spenderzellen sollen genug Raum haben, um sich im Knochenmark einzunisten und dort wieder neues Blut „fabrizieren“ zu können. Ausserdem wird das Immunsystem „lahmgelegt“. Im Normalfall wehrt unser Immunsystem ja „Fremdlinge“ ab, doch jetzt sollen die fremden Zellen gerade nicht abgestossen werden, sondern sich erfolgreich vermehren können. Bei Natalia bestand die Vorbereitung aus der Hochdosis-Chemotherapie sowie einer Ganzkörperbestrahlung (Radiotherapie). 

  • Was geschieht nach der Konditionierung?

    Ein bis zwei Tage nach Beendigung der Konditionierungsbehandlung findet die tatsächliche Blutstammzelltransplantation statt. Sie ist relativ unspektakulär: Wie bei einer Bluttransfusion erhielt Natalia die Blutstammzellen ihrer Schwester durch eine Infusion in die Venen, ein Vorgang von zwei bis vier Stunden Dauer. Den Weg ins Knochenmark finden die Stammzellen dann allein. Idealerweise nisten sie sich dort wieder ein und bilden innerhalb von zwei, drei Wochen gesunde Blutzellen.

  • Hat das alles gut geklappt?

    Die Stammzelltransplantation war erfolgreich. Natalia bildete danach wieder selber gesunde Blutzellen. Doch leider entwickelte sie jetzt kürzlich, ungefähr zweieinhalb Jahre nach der Transplantation, eine sogenannte Graft-versus-Host-Disease (Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion). Das ist eine Abstossungsreaktion, bei welcher sich die übertragenen Spenderstammzellen (Transplantat) gegen den Empfänger (Wirt) zu wehren beginnen. Dies kommt trotz optimaler Vorsorge relativ häufig vor. 

  • Wann sieht man, ob die Therapie anklingt?

    Zwei, drei Wochen nach der Stammzelltransplantation sieht man, ob die Zellen angenommen worden sind. Aber die Frage, ob es auch wirklich etwas gebracht hat, ob es zu Abstossungsreaktionen kommt oder zu Rückfällen, kann uns nur die Zeit sagen. Gegen die Abstossungsreaktion erhält Natalia ein sogenanntes Immunsuppressivum, das bremst quasi das Immunsystem und hilft dabei, dass ihr Körper die neuen Zellen nicht abstösst.

  • Wie zeigt sich diese Graft-versus-Host-Disease und was können Sie dagegen tun?

    Frau S. ist in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt und sie hat eine Art Gelenkentzündung. An verschiedenen Stellen hat sie Dellen, ähnlich wie Orangenhaut. Standardmässig wird das mit Kortison behandelt, das kann aber dazu führen, dass sie „aufdunst“ oder sich ein buffalo hump, ein Büffelbuckel, bildet – das wollte ich ihr ersparen. 

  • Was machen Sie stattdessen?

    Wir machen minimale Kortisontherapie und eine Photopherese. Die Photopherese ist eine relativ neue Art der Apherese („Blutwäsche“). Dabei werden die weissen Blutkörperchen ausserhalb des Körpers vom restlichen Blut getrennt, u. a. mit UV-A-Licht bestrahlt und dem Körper wieder zugefügt. Das macht Natalia momentan einmal pro Monat für zwei Tage, die Sitzung dauert etwa eineinhalb Stunden, am nächsten Tag erholt sie sich davon.

Fusszeile