Inhalt - Studiendesign

Was wird untersucht?

Nach erfolgreich abgeschlossener RELY 1-Studie (siehe Ergebnisse) wurden anhand der Rückmeldungen der Gutachter das Training in funktionsorientierter Begutachtung weiterentwickelt und die Instrumente optimiert. 

In der RELY 2-Studie prüfen wir mit neuen Gutachtern, ob sich damit die Übereinstimmung verbessern lässt, wenn mehrere Gutachter die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit bei derselben versicherten Person einschätzen. In einem weiteren Schritt vergleicht die RELY 2-Studie die daraus folgenden Ergebnisse mit der Standardpraxis. Im letzten Teil der Studie wird mit RELY 3 untersucht, ob und warum Gutachten aus der funktionsorientierten Begutachtung besser nachvollziehbar sind als herkömmliche Gutachten.

Wer sind die Studienteilnehmer?

In die Studie werden 40 versicherte Personen eingeschlossen, die bei der IV-Stelle Zürich oder bei der Suva einen Rentenantrag gestellt haben und bei denen zur Prüfung des Rentenantrags auch eine psychiatrische Begutachtung geplant ist. In Absprache mit der RELY-Forschergruppe fragt die IV-Stelle Zürich oder die Clearingstelle der Suva Antragsteller an, die folgende Einschlusskriterien erfüllen: Personen, die im Rahmen des Rentenverfahrens erstmalig begutachtet werden und eine bi- oder polydisziplinäre Begutachtung erhalten, die eine psychiatrische Begutachtung einschliesst.

Die Begutachtung erfolgt als funktionsorientierte Begutachtung. Für die Studie wird nur die psychiatrische Begutachtung ausgewertet.

Die Teilnahme an der Studie ist freiwillig und hat keinerlei Auswirkungen auf das reguläre Rentenverfahren. Die Studienteilnehmer helfen aber mit, die psychiatrische Begutachtung für alle Beteiligten zu optimieren.

Was ist die funktionsorientierte Begutachtung?

Die funktionsorientierte Begutachtung ist eine Weiterentwicklung des bisherigen Begutachtungsprozesses. Sie soll ermöglichen, Defizite und Fähigkeiten des Antragsstellers besser herauszuarbeiten und die Transparenz und Verlässlichkeit der Gutachten zu erhöhen. Die funktionsorientierte Begutachtung ist eine reguläre Begutachtung und entspricht den rechtlichen Anforderungen.

Im Vergleich zur bisherigen Begutachtung kommen bei der funktionsorientierten Begutachtung drei zusätzliche Elemente zum Einsatz:

  • ein halb-strukturierter Gesprächteil mit einem Fokus auf die Funktions- und Leistungsfähigkeit des Rentenantragstellers

  • eine ausführliche Beschreibung des letzten Arbeitsplatzes vom ehemaligen Arbeitgeber

  • eine «Checkliste» zur systematischen Erfassung und Dokumentation der funktionellen Möglichkeiten und Einschränkungen des Rentenantragstellers

Der Gutachter führt mit der versicherten Person ein Gespräch und erfasst, was sie leisten kann (Möglichkeiten) und was sie aufgrund von Einschränkungen nicht mehr leisten kann. Die Checkliste hilft dem Psychiater, im Gespräch systematisch vorzugehen und alle wichtigen Themen anzusprechen.

Elemente der funktionsorientierten Begutachtung werden bereits heute in der Begutachtung verwendet – aber nicht systematisch, nicht immer und nicht von allen Gutachtern. Deswegen hat die RELY-Forschergruppe ein Trainingsprogramm entwickelt, in dem die Psychiater lernen, diese Elemente gezielt in der Begutachtung einzusetzten. Alle Psychiater in der Studie haben dieses Trainingsprogramm durchlaufen.

Wie werden die Studienteilnehmer ermittelt und kontaktiert?

Die Studie findet in Zusammenarbeit mit der IV-Stelle Zürich und ihrem Regional-Ärztlichen Dienst Zürich sowie der Clearingstelle der Suva statt. Für die funktionsorientierten Begutachtungen arbeitet die RELY-Forschergruppe mit vier medizinischen Abklärungsstellen (MEDAS) und der Clearingstelle der Suva zusammen. Versicherte sind potentiell für die Studie geeignet, wenn sie

  • bei der IV-Stelle Zürich einen Antrag auf IV-Rente gestellt haben und zur Begutachtung einer der vier medizinischen Abklärungsstellen zugewiesen wurden

oder

  • bei der Suva einen Antrag für eine Suva-Rente gestellt haben und über die Suva-Clearingstelle Psychiatern zugewiesen wurden, die an der Studie teilnehmen.

Die IV-Stelle Zürich und die Clearingstelle der Suva kontaktieren die Antragsteller, informieren diese über die Studie und laden sie zur Teilnahme ein. Damit ist die Rolle der IV-Stelle und der Suva-Clearingstelle in der Studie abgeschlossen. Der weitere Kontakt und der Ablauf erfolgt ausschliesslich über die RELY-Forschergruppe am EbIM. Die RELY-Forschergruppe kontaktiert den Antragsteller und beantwortet allfällige offene Fragen. Entschliesst sich die versicherte Person zur Teilnahme an der Studie, schickt sie die Einverständniserklärung an die RELY-Forschergruppe. Geplant ist, rund 40 Rentenantragsteller in die Studie einzuschliessen.

Wer sind die Psychiater in der Studie?

Die allermeisten Psychiater, die an der Studie teilnehmen, sind aktiv in der Patientenversorgung tätig, sei es in der Klinik oder in der Praxis. Darüber hinaus verfügen sie über eine langjährige Erfahrung in der Begutachtung von Versicherten im Rahmen eines Rentenverfahrens. Vier Regional-Ärztliche Dienste – RAD Zürich, St. Gallen, Aargau, Beider Basel, und Swiss Insurance Medicine helfen uns, Psychiater zu finden, die an der Studie teilnehmen wollen. Interessierte Psychiater können sich auch spontan bei uns melden.

Wie läuft die Studie ab?

Teil 1: Das Begutachtungsgespräch und die Video-Aufnahme

Die Studie findet im Rahmen der regulären psychiatrischen Begutachtung statt. Das Gespräch wird in einer medizinischen Abklärungsstelle (MEDAS) oder in der Praxis des Gutachters durchgeführt und dauert nicht länger als die übliche Begutachtung. Der Gutachter ist ein Psychiater, der in der funktionsorientierten Begutachtung geschult wurde.

Ein Mitarbeiter der RELY-Forschergruppe nimmt das Begutachtungsgespräch auf Video auf. Nach dem Gespräch entscheidet der Gutachter über die Arbeitsfähigkeit des Antragstellers und verfasst ein rechtsgültiges IV- oder Suva-Gutachten. Es entspricht den gesetzlichen Vorschriften und bildet die Grundlage für den Antrag auf eine IV-/ Suva-Rente.

Etwa eine Woche nach der Begutachtung erhält der Antragsteller per Post einen kurzen Fragebogen, wie er die Begutachtung erlebt  hat.

Teil 2: Die Studiengutachter betrachten das Video

Drei Studien-Gutachter, ebenfalls Psychiater, schauen sich unabhängig voneinander das Video mit dem Begutachtungsgespräch an. Jeder von ihnen beurteilt daraufhin eigenständig die Arbeitsfähigkeit des Antragstellers. Wie der Gutachter, der das Gespräch geführt hat, erhalten die Studien-Gutachter eine Arbeitsplatzbeschreibung und die Checkliste. Zusätzlich erhalten sie eine Zusammenfassung der Krankengeschichte. Die Studien-Gutachter senden ihre Beurteilungen ausschliesslich an die RELY-Forschergruppe. Diese Beurteilungen haben keinerlei Einfluss auf den Rentenantrag.

Teil 3: Auswertung und Ergebnisse

Die RELY-Forschergruppe gibt alle Informationen anonymisiert in eine Datenbank ein. Nach Abschluss der Begutachtungsphase ermittelt sie, wie gut bzw. inwieweit die drei Studien-Gutachter und der Gutachter im Video in der Beurteilung der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit desselben Rentenantragstellers übereinstimmen. Dazu verwendet sie statistische Methoden.

Es wird nicht erwartet, dass die Gutachter zu einer völlig identischen Einschätzung der Arbeitsfähigkeit kommen. Dies wäre unrealistisch, da weitere Faktoren, wie z.B. Detailkenntnis des Arbeitsplatzes oder das Wertesystem des einzelnen Gutachters bei der Einschätzung eine Rolle spielen. Diese Faktoren kann man in der Studie nicht überprüfen und kontrollieren. Die Forscher erwarten eine Übereinstimmung im mittleren Bereich. Ausgedrückt auf einer Skala von 0 bis 1 heisst das, die Übereinstimmung unter den Gutachtern wird nicht völlig beliebig sein (‚keine Übereinstimmung' hätte den Wert 0), sie wird aber auch nicht perfekt sein (eine ‚perfekte Übereinstimmung' hätte den Wert 1).

Gemäss den Verpflichtungen beim Schweizerischen Nationalfonds werden die Ergebnisse veröffentlicht und in wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert.

Was passiert mit dem Video des Begutachtungsgesprächs und den Daten der Studienteilnehmer?

Die Videoaufnahme der Begutachtung ist nur im Rahmen der Studie zugänglich. Das Video wird sicher bis zum Abschluss der Studie aufbewahrt. Weder die IV noch die Suva noch andere Stellen oder Personen haben Zugang zum Video und können das Video auch nicht über den Rechtsweg einfordern. Die Forschergruppe vernichtet das Video unmittelbar nach Abschluss der Studie.

Wie ist der Datenschutz geregelt?

Während der ganzen Studie wird die Vertraulichkeit strikt gewahrt.

In dieser Studie werden persönliche Daten von Personen erhoben, die bei der IV und der Suva einen Antrag auf Berentung gestellt haben. Diese Daten werden mit einer Studiennummer anonymisiert und auf einem gesicherten Server gespeichert. Nur die RELY-Forschergruppe hat für wissenschaftliche Auswertungen Zugang zu den Daten. Sobald alle Psychiater die Videoaufnahmen beurteilt haben, werden die Aufnahmen vernichtet. Die teilnehmenden Psychiater sind zudem an die Schweigepflicht gebunden.

Im Rahmen von Inspektionen können zuständige Behörden und Ethikkommissionen Einsicht in die Originaldaten nehmen. Auch hier wird die Vertraulichkeit strikt gewahrt.

Der Datenschutz folgt den Auflagen der Ethik-Kommission Beider Basel (EKBB). Erst nach Abnahme der datenschutzrechtlichen Sicherheitsmassnahmen durch den Datenschutzbeauftragten des Kantons Basel-Stadt erteilt die EKBB die Genehmigung zur Durchführung der Studie.

Wie geht es weiter?

Im letzten Teil der Studie untersuchen wir mit RELY 3, wie die Akteure im Rentenverfahren (Versicherungen, Rentenantragsteller und ihre Rechtsvertreter, Sozialrichter, und andere) die Informationsqualität der Gutachten bewerten, wenn sie mit dem funktionsorientierten bzw. mit dem traditionellen Ansatz erstellt wurden.

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