Die Begutachtung der Arbeits(un)fähigkeit ist im Wandel

Seit mehreren Jahren steht die Begutachtung der Arbeitsfähigkeit von IV-/UV-Rentenantragstellern* 
in der Kritik, insbesondere bei Patienten mit psychischen Beschwerden, wie z.B. Depressionen, chronische Schmerzen oder Angststörungen. 
Versicherungen, Betroffene und ihre Anwälte sowie Gerichte fordern mehr Transparenz und eine bessere Nachvollziehbarkeit, wie die Gutachter anhand des Gesprächs mit dem Rentenantragssteller auf dessen Arbeitsfähigkeit schliessen.

Die Begutachtung hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt: Während sie in der Vergangenheit darauf abzielte, die Defizite von Versicherten zu bestätigen, liegt heute der Fokus vermehrt darauf, dass der Gutachter die verbliebene Leistungsfähigkeit der versicherten Person erhebt.  

Im Laufe dieses Wandels manifestierten sich zunehmend Probleme mit den Methoden der Begutachtung. Das bestätigt auch ein Grundsatzurteil des Bundesgerichts von 2011[1], das die Nachvollziehbarkeit der Gutachten bemängelte. Als Folge wurden in der Praxis die Begutachtungsmethoden weiterentwickelt. Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften SGVP und SGPP, interdisziplinäre Arbeitsgruppen (juristisch-medizinischer Leitfaden von Riemer-Kafka[2]) sowie die Gutachter haben mit Leitlinien[3] und Weiterbildungsmassnahmen selbst Impulse zur Qualitätsverbesserung der Begutachtungen gesetzt. Bisher fehlen jedoch wissenschaftlich gestützte Erkenntnisse, die diese Verbesserungsprozesse begleiten und deren Auswirkungen auf die Begutachtung und letztlich auf die Zusprache von Renten untersuchen.

Des Weiteren gelingt es Gutachten häufig nicht besonders gut, arbeitsfähige Personen mit ausreichenden Ressourcen von bedingt arbeitsfähigen Personen mit eingeschränkten Ressourcen und arbeitsunfähigen Personen mit unzureichenden Ressourcen zu unterscheiden (Reliabilität) oder zu vergleichbaren Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit zu kommen (Übereinstimmung) [4].

Um zu überprüfen, ob die Weiterentwicklung des Begutachtungsverfahrens die Reliabilität und die Übereinstimmung unter den Gutachtern verbessern, aber auch die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Aussagen zur Arbeitsfähigkeit erhöhen, führte das EbIM am Universitätsspital Basel erstmals eine Studie zum Begutachtungsverfahren durch:

Mit der Studie «Reliable psychiatrische Begutachtung im Rentenverfahren RELY» wurde die Reproduzierbarkeit (ein Übergriff für Reliabilität und Übereinstimmung), Nachvollziehbarkeit und Akzeptanz eines neu entwickelten Begutachtungsverfahren - die 'funktionsorientierte Begutachtung' in der Psychiatrie - untersucht. 

*  Auf dieser Webseite verwenden wir aus Gründen der besseren Lesbarkeit nur die männliche Form.

 

SGVP

Schweizerische Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie

 

SGPP

Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

 

RELY

Reliable disability EvaLuation in PsychiatrY

 

[1]

Meyer U. Urteil vom 28.6.2011 ‐ Bundesgericht II. Sozialrechtliche Abteilung. 9C/243/2010. 28‐6‐2011.

 

[2]

Riemer-Kafka G (Hrg.) Versicherungsmedizinische Gutachten, Ein interdisziplinärer juristisch-medizinischer Leitfaden, 3. Aufl., Bern/Basel 2017.

 

[3]

Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP und Schweizerische Gesellschaft für Versicherungspsychiatrie SGVP. Leitlinien für die Begutachtung psychiatrischer und psychosomatischer Störungen in der Versicherungsmedizin. 2016
psychiatrie.ch