Karriereblog des Universitätsspitals Basel
12. July 2021

«Ich bin im echten und im virtuellen Leben sehr gut vernetzt.»

Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurge PD Dr. mult. Florian M. Thieringer ist einer der Wegbereiter des 3D Print Lab am Unispital. Dank seiner spannenden Posts auf LinkedIn und Facebook verfolgen regelmässig Tausende weltweit die neusten Errungenschaften im Bereich 3D-Druck, computerassistierter Chirurgie sowie patientenorientierter Medizin.

 

Die Macht von Social Media

Gefragt, ob er so etwas wie ein «Chirurgie-Influencer» sei, winkt Florian Thieringer lachend ab. Die Frage ist aber berechtigt, schaut man sich seine Anzahl Kontakte und Followers auf den gängigen Social-Media-Plattformen an. «Ich bin einfach im echten wie auch im virtuellen Leben sehr gut vernetzt. Ganz viel hat mit meiner Arbeit und Aktivität für die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen, kurz «AO» zu tun», erklärt er. Die «AO Foundation» ist eine internationale Vereinigung von Chirurginnen und Chirurgen mit dem Fokus Fortbildung, Forschung und Innovation – das Unispital pflegt seit Jahrzehnten eine Fellowship-Partnerschaft mit der «AO». Einer der Mitgründer der AO war der international bekannte Chirurgie-Professor Martin Allgöwer, der von 1967 bis 1983 Vorsteher des Departements Chirurgie der Basler Klinik war.

Florian Thieringer ist – neben seiner Tätigkeit als Kaderarzt am Unispital – seit sechs Jahren Community Manager bei «AO CMF» und hat dort gemeinsam mit einer Kollegin von der Stanford Universität Social Media eingeführt. «Ich habe dabei in diesem Bereich sehr viele Erfahrungen sammeln können und nutze Soziale Medien aktiv, um zu kommunizieren, was wir tun. Gerade junge Ärztinnen und Ärzte unterhalten sich nicht nur privat, sondern auch professionell über Soziale Medien – das muss man im Fokus haben», erklärt Thieringer. Ihn fasziniert nicht nur die grosse Reichweite, die zum Beispiel LinkedIn hat, sondern auch die schnellen Reaktionszeiten seiner Follower und Followerinnen: «Es fasziniert mich, wenn ich etwas poste und sich das dann zum Teil 300 Leute in den ersten paar Sekunden ansehen. Dazu kommt, dass es genau die Personen sind, die das auch sehen sollen. Zielgruppengerechtes Marketing, ganz einfach gemacht.

 

Das 3D Print Lab am Unlspital

Eines der Themen, zu denen Florian Thieringer regelmässig mit seiner Community kommuniziert, ist der 3D-Druck in der Medizin, insbesondere in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG-Chirurgie): Er ist einer der Gründer und heute Co-Leiter des 3D Print Lab, das vor knapp sechs Jahren am Unispital aus der Wiege gehoben wurde. Das Lab sieht sich als Dienstleister und Forschungsplattform für Datenvisualisierung und additive Fertigungsverfahren und wird interdisziplinär von der Chirurgie und der Radiologie geführt. Thieringer hat schon früh das Potential des 3D-Drucks erkannt, als er während seines Studiums damit in Berührung kam: 

«Die Technik ist ja nicht neu – 3D-Druck gibt es in der Medizin seit sicher 30 Jahren. Der Einsatz war aber sehr exklusiv und teuer und man war immer von Dritten abhängig. Mein Ziel war immer, diese Technologie aus dem Labor oder von der Industrie dort hinzubringen, wo die Medizin stattfindet: ins Spital.»

 Dies ist gelungen – und findet seine Fortsetzung in der baldigen Eröffnung eines neuen Labs, das in der Radiologie direkt zwischen dem OP-Saal der Inneren Medizin und der Chirurgie eingegliedert sein wird. Spannendes Detail: Der neue Raum ist auf mehreren Seiten mit grossen Fenstern ausgestattet, damit die Technologie im Inneren für alle erfahrbar wird: «Hightech muss für alle zugänglich sein – viele wissen gar nicht genau, was hinter Schlagwörtern wie 3D-Visualisierung, Virtuelle Operationsplanung, Navigation, Laser, Robotik und 3D-Druck genau steht. Wir wünschen uns, dass auch Ärzte und Ärztinnen ausserhalb der Chirurgie bzw. Radiologie ins Lab eintreten, ihre Fälle mit uns besprechen und wir gemeinsam beurteilen, wie wir 3D-Operationsplanung am Computer oder 3D-Druck patientenorientiert einbringen können.» Was als kleines Spin-Off im Unispital gestartet hat, ist mittlerweile ein international bekanntes Drucklabor: Obwohl es natürlich grössere Zentren gibt, ist das 3D-Print-Lab am USB mit seinem interdisziplinären Aufbau und der festen Integration in Medizin, Radiologie und Chirurgie eines der wenigen seiner Art, was immer wieder zu tollen Feedbacks aus der ganzen Welt führt.

 

Bald eigene Implantate, inhouse hergestellt?

Momentan werden im 3D Print Lab vor allem anatomische Modelle hergestellt, mit denen Operationen im Vorfeld visualisiert werden können. Ein anderer Bereich sind Operationsschablonen (sogenannte «chirurgische Guides»). Basis dafür sind verschiedene radiologische Bildgebungsmethoden. Vorteile davon: Einerseits erfahren Patientinnen und Patienten so detailliert, welche genau auf sie zugeschnittenen OP-Schritte z.B. bei einer Gesichtsschädelkorrektur oder Tumoroperation unternommen werden. Andrerseits profitieren auch die Ärzteteams davon: Durch das individuelle Modell wissen sie schon im Vorfeld genau, was sie im OP-Saal erwartet und können mit den sterilisierbaren Schablonen die 3D-Planungsdaten vom Monitor mit an den OP-Tisch nehmen. Dies schafft zusätzliche Sicherheit und sorgt oft dafür, dass weniger invasiv operiert werden kann – dazu kommen Verkürzungen der Operations- und der Narkosezeit mit einhergehender Senkung von Risiken und Kosten.

 

Bald soll auch die Produktion von eigenen patienten-spezifischen Implantaten im 3D-Print-Lab folgen – aktuell werden diese extern eingekauft, zu hohen Preisen und mit oft langen Lieferzeiten. «Wir haben einen Drucker hier am Spital, der aus einem Hochleistungskunststoff Implantate herstellen kann. Momentan sind wir in der Validierungsphase, um die sehr strengen Vorschriften des Medizinproduktegesetzes konstant erfüllen zu können. Nur so ist garantiert, dass unsere Patientinnen und Patienten ein einwandfreies Implantat erhalten», erklärt Florian Thieringer. Allgemein ist im Bereich 3D-Druck vieles am Tun: So forscht Thieringer und seine «Swiss MAM»-Forschungsgruppe am Departement of Biomedical Engineering zusammen mit dem Departement of Biomedicine in einem sehr spannenden Bereich der Regenerativen Medizin: «Bioprinting» – so der Überbegriff für das Drucken von biologischen Implantaten wie Knochen und Knorpel.

 

 Von Basel nach Nicaragua

 FT hatte das Glück, schon sehr früh seine Leidenschaft für die MKG-Chirurgie zu entdecken – und wird nicht müde, die Vorzüge seines Fachgebiets zu loben: «Wir sind wie eine Brücke zwischen der Zahn- und der Humanmedizin und haben so die Möglichkeit, das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen und interdisziplinär mit den verschiedensten Fachpersonen zusammenzuarbeiten. Das Fachgebiet MKG-Chirurgie ist wie eine Plattform, die für verschiedenste Interessen geeignet ist, um sich weiterentwickeln zu können.» Dazu gehören auch Auslandsaufenthalte sowie karitative Einsätze – so reist Florian Thieringer regelmässig für die «Nicaplast Grupo Suizo y Alemán» ehrenamtlich nach Nicaragua, um dort Kinder und Erwachsene mit Gesichtsfehlbildungen und -Deformationen operativ zu behandeln. Diese Einsätze sieht er als Möglichkeit, etwas zurückzugeben, und gleichzeitig als eine Art Auszeit von der ganzen hochadministrierten High-Tech-Medizin, um sich auf die reine Chirurgie zurückzubesinnen.


Schon fast zwei Jahrzehnte am USB

Knapp 20 Jahre ist FT bereits am Universitätsspital Basel – und ist immer wieder fasziniert, wie ein Spital mit über 7200 Mitarbeitenden es schafft, so persönlich zu sein: «Klar, ich bin schon lange hier, ich kenne wahnsinnig viele Leute. Aber trotzdem staune ich immer wieder, wie familiär es sich bei der Arbeit oft anfühlt und wie toll die Zusammenarbeit hier ist. Ich fühle mich bei meinen Ideen und Vorschlägen unterstützt und freue mich, hier auf so hohem Niveau meinen Interessen nachgehen zu können. Manchmal mahlen die Mühlen etwas langsam – aber schlussendlich wird’s meistens gut.» Thieringer engagiert sich auch im Mentoring des USB, bei dem junge Ärztinnen und Ärzte von erfahreneren Berufskolleginnen und -kollegen auf dem Weg zur Habilitation gecoacht werden. «Es macht mir grosse Freude, mit diesen engagierten jungen Menschen zusammenzuarbeiten. Es ist schön, dass man im USB weiterhelfen kann – das ist schon besonders hier. Auch zu sehen, dass die Leute ihren Weg finden und weitergehen können.» Wir sind gespannt, was wir von Florian Thieringer, dem 3D-Print-Lab und all den laufenden Projekten in Zukunft noch hören werden!

 

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