Psychiatrisches Assessment

In Anbetracht der aktuellen Rechtslage, welche eine «diagnostische» Bestätigung der Geschlechtsdysphorie (GD) bzw. Geschlechtsinkongruenz verlangt, damit die Kostenträger_innen die medizinischen geschlechtsangleichende Leistungen übernehmen dürfen, richtet sich unseres Assessment zunächst auf die aktuelle Situation der Behandlungssuchenden. Dementsprechend wir im Rahmen des Assessments ein Fokus auf deren «Geschlechtsbiographie» gelegt.

Ferner werden im Rahmen dieser Erstabklärung häufig auftretende psychische Begleitprobleme (z. B. Depressionen, soziale Ängste, Substanzkonsum, etc…), die eine Transition erschweren können, thematisiert. Damit können diese Schwierigkeiten bereits früh behandelt werden, so dass sie für die geplante Transition nicht hinderlich sind. In spezifischen Fällen kann auf der Basis des Assessments bereits eine psychotherapeutische Behandlung (siehe unten) begonnen werden. Diese Parallelbehandlung ist ein Zusatzangebot und führt zu keinerlei Verzögerungen innerhalb des medizinischen Transitionprozesses.

Schliesslich wird beim Assessment die Urteilsfähigkeit der Behandlungssuchenden überprüft. Diese Fähigkeit bildet einer der Hauptstützpunkte, damit die informierte Einwilligung («informed consent») nach der partizipativen Entscheidungsfindung zu den einzelnen medizinischen Interventionen abgegeben werden kann. In der seltenen Situation, dass diese Urteilsfähigkeit nicht vorhanden wäre (beispielsweise im Rahmen einer akut-psychotischen Dekompensation), müssten therapeutische Alternativen ins Auge gefasst werden, bevor eine medizinische Transition gestartet wird.

 

Psychosoziale Begleitung

Eine Transition – und insbesondere eine medizinische – kann viele Fragen hervorrufen. Am Schwerpunkt für Geschlechtervarianz haben die Behandlungssuchenden den Vorteil, dass sie auf ihrem Transitionsweg von einer sog. Transitionskoordinator_in begleitet werden. Zusammen mit dieser Person legen sie einen individuellen medizinischen Transitionsplan fest, deren Einhaltung und Folgen im Rahmen von Folgeterminen überprüft werden. Erfahrungsgemäss verkürzt der Einsatz einer Koordinationsstelle die Kommunikationswege inner- und ausserhalb des Spitals massiv, was die Qualität und Zufriedenheit mit den verschiedenen medizinischen Interventionen verbessert.

Inhaltlich können in den Koordinationssitzungen ganz verschiedene und individuelle Themen besprochen werden. Bei manchen Behandlungssuchenden stehen eher die sozialen Aspekte der Transition (beispielsweise Durchführung des Coming-out in der Familie oder an der Arbeitsstelle), während sich andere Behandlungssuchende für juristische (Namens- und der Personenstandänderungen) und/oder medizinische (Unterstützung bei der Entscheidungsfindung hinsichtlich Massnahmen, Erwartungen an die operativen Resultate) Fragen interessieren.

 

Psychotherapeutische Begleitung

Je nach individueller Situation kann eine psychotherapeutische Behandlung im Rahmen der medizinischen Situation sinnvoll sein. In diesen Fällen wollen wir die Behandlungssuchenden mittels psychotherapeutischer Interventionen und auf dem Boden einer affirmativen Haltung auf ihrem Transitionsweg unterstützen.

Auf keinem Fall stellt die psychotherapeutische Behandlung eine Hürde auf dem medizinischen Transitionsweg dar. Sie ist ein freiwilliges Angebot, wobei Dauer und Intensität letztlich durch die Behandlungssuchenden bestimmt wird. Die psychotherapeutische Begleitung kann nicht nur in der ersten Phase des Transitionsprozesses, sondern auch während und nach der Zeit der medizinischen Transition in Anspruch genommen werden.