Karriereblog des Universitätsspitals Basel
07. Oktober 2021

«Wir behandeln hier nicht nur ältere Männer.»

«Als Frau auf die Urologie? Eher unattraktiv…» Dieses Vorurteil geistert zum Teil immer noch in den Köpfen herum, hat aber nichts mit der Realität zu tun.

 

Im Gegenteil: Weshalb es auf der Urologie am USB gerade für Ärztinnen speziell interessant ist, erzählen uns die beiden Urologinnen Dr. Feicke und Dr. Bausch. 

Dr. Antje Feicke ist Kaderärztin und arbeitet seit vielen Jahren auf der Urologie am USB. Seit sie 2015 ihren Sohn bekommen hat, hat sie ihr Pensum auf aktuell 70% reduziert. Oberärztin Dr. Kathrin Bausch hat nach ihrem Staatsexamen vor sieben Jahren ihre Facharztausbildung am Unispital – bis auf eine Rotation ins Claraspital – absolviert. Im November kehrt sie von einem Forschungsjahr am Institut Pasteur in Paris zurück und arbeitet aktuell an ihrer Habilitation im Themenbereich Uro-Infektiologie. Ins Fachgebiet Urologie sind beide Ärztinnen mehr aus Zufall gerutscht – und teilen heute die Meinung, dass es für sie die absolut richtige Wahl war. 

Von Anfang an begeistert

«Ich wollte eigentlich immer in die Pathologie beziehungsweise Rechtsmedizin. An meinem Studienort war dies aber keine Option im Praktischen Jahr. Bei der Suche nach Alternativen kam dann der Wunsch auf, ins Ausland zu gehen, und so bin ich auf der Urologie am Kantonsspital Aarau gelandet», berichtet Antje Feicke. Das Chirurgisch-Operative in diesem Fachbereich, die Patientinnen und Patienten sowie das nette Team begeisterten sie sofort und so bewarb sie sich bereits während dieser Zeit auf der Chirurgie – und wechselte von dort nach zwei Jahren direkt auf die Urologie. Bis heute bereut sie diese Entscheidung nicht.

Auch bei Kathrin Bausch war es zu Beginn eher Zufall: «Ich wollte für meine erste Famulatur gerne an eine spezielle Klinik in Berlin. Urologie war da eines der wenigen somatischen Angebote und so entschied ich mich dafür. Ich fand es von Anfang an super – ich war damals erst im fünften Semester und durfte schon ziemlich viel machen, zum Beispiel selbstständig Visiten durchführen, auf dem urologischen Notfall helfen sowie bei kleinen und auch grösseren OPs assistieren. Die Stimmung war super. Auch in anderen Urologie-Teams in weiteren Praktika habe ich mich stets sehr wohl gefühlt, das waren immer nette Leute. Da war der Fall für mich klar.»

Medizin nur für ältere Männer?

Gefragt, ob der Entscheid für die Urologie bei ihrem Umfeld zu Erstaunen führte, schütteln sie beide den Kopf. «Im Gegenteil: Mein Umfeld war eher erleichtert, dass ich nicht in die Pathologie ging. Ich hatte keinerlei negative Reaktionen zum Thema Urologie, weder privat noch beruflich.» Kathrin Bausch erinnert sich an einzelne Mitstudierende, von denen mal ein Spruch kam wie «Was, Urologie? So für alte Männer?». Das prallte aber an ihr ab – vor allem auch, weil dieses Stereotyp überhaupt nicht der Realität entspricht. «Von den Leuten, die zu uns kommen, sind etwa 60% männlich und 40% weiblich», schätzen die beiden Expertinnen.

«Auch “alt” trifft nur bedingt zu – wir haben sehr viele junge Patienten, denn bei uns geht es nicht nur um die Impotenz des älteren Mannes oder um Prostatabeschwerden», führt Antje Feicke aus. Nierensteine kommen beispielsweise bei beiden Geschlechtern und vor allem auch bei Jüngeren vor. Ein grosses Thema der Urologie ist Infertilität, also Unfruchtbarkeit, wovon eher junge Männer und Frauen betroffen sind. Das gilt auch fürs Center of Excellence für Geschlechtervarianz, das von urologischer Seite her vor allem von Dr. Feicke und ihrer Kollegin Dr. Ebinger Mundorff betreut wird – auch hier sind die Patientinnen und Patienten meistens unter 45 Jahren. Krebserkrankungen der Harnwege oder Nieren betreffen ebenfalls beide Geschlechter und nicht ausnahmslos ältere Patienten. Hodenkrebs betrifft vor allem junge Männer. Und seit dem letzten Jahr wird die Abteilung für Neurourologie und Urologie der Frau ausgebaut, was zu noch mehr Patientinnen führt.

Finden männliche Patienten Urologinnen seltsam?

«Ich bekam noch nie negative Reaktionen von männlichen Patienten, nur weil ich eine Frau bin. Wir hatten höchstens mal den Fall, dass jemand Strenggläubiges aus religiösen Gründen von einem Mann behandelt werden wollte, und dann hat ein Kollege von mir übernommen. Das wäre aber wohl auch in einem anderen Fachbereich so gelaufen. Ich glaube, wenn ich als Urologin entspannt auf die Leute zugehe, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht, ist das auch für den Patienten egal, ob ein Arzt oder eine Ärztin ihn behandelt», meint Kathrin Bausch. Und auch von ihren männlichen Kollegen bekamen die beiden bis heute nie etwas Negatives zu spüren betreffend «Frau in der Urologie» – dabei sind sie mit fünf Frauen und 25 Männern im ärztlichen Team klar in der Unterzahl.

«Ich erinnere mich an Zeiten, als wir nur zwei Frauen waren. Während ein paar Monaten war ich sogar mal die einzige Ärztin. Ich habe mich am Universitätsspital Basel zu jeder Zeit immer wohlgefühlt. Ich fühle mich respektiert, akzeptiert und geschätzt», so Antje Feicke. Die Urologie ist in der Regel nicht der Bereich mit den wenigsten Ärztinnen – meistens ist das die Orthopädie oder auch die Chirurgie. Den Idealfall sähen beide Urologinnen in einem ausgeglichenen Team mit genauso vielen Ärztinnen wie Ärzten. Kathrin Bausch: «Ich habe schon den Eindruck, dass es dynamischer vorangeht, wenn es geschlechtermässig ausgeglichener ist. Wir möchten Studienabgängerinnen ermuntern, zu uns zu kommen – hier gibt es wirklich viele Möglichkeiten. Aus diesem Grund hat unsere Klinik ein Frauenförderungskonzept erstellt – bis 2030 möchten wir erreichen, dass das Geschlechterverhältnis bei uns fifty-fifty ist.»

Gute Karrierechancen für Frauen – auch in Teilzeit

Natürlich werden Frauen in der Urologie am USB nicht stärker gefördert als ihre männlichen Kollegen. Es ist mehr die moderne Einstellung gegenüber neuen Arbeitszeitmodellen, welche die Arbeit hier für Frauen speziell attraktiv machen. Dazu kommen die angemessene Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gleiche Bedingungen für beide Geschlechter bezüglich chirurgischer Ausbildung, Weiterbildung und akademischer Laufbahn sowie Weiterbildungsmöglichkeiten auch für Teilzeitbeschäftigte. Dies wird bereits jetzt stark im Alltag gelebt – wie Antje Feicke aus eigener Erfahrung berichtet: «Zu jeder Zeit sind Babypause und Teilzeitarbeit absolut möglich. Das ist gerade in einem chirurgischen Fach nicht überall so – das kann ein Karrierestopper sein. Ich war ein Jahr in der Babypause, meine Kollegin auf derselben Führungsstufe zweimal ein Jahr, wir haben danach beide unsere Pensen reduziert, wurden dadurch nie beruflich ausgebremst und konnten beide weiter unserer operativen Karriere nachgehen. In unserem Team wurden und werden einem dadurch keine Steine in den Weg gelegt. Unser Chef ist sehr daran interessiert, mehr Frauen im Team zu haben, auf allen Stufen, auch auf Führungsebene.»

Flexible Pensenplanung für Frauen und Männer

Antje Feicke wurde während ihrer Schwangerschaft versichert, dass sie ihre operative Weiterbildung am Da-Vinci-Roboter auch nach der Geburt bei reduziertem Pensum fortsetzen könne, was auch so umgesetzt wurde. Diese positive Erfahrung gibt sie auch selbst gerne weiter: Als Verantwortliche für die Dienst- und Personalplanung investiert sie viel Zeit dafür, die kleineren und grösseren Pensen zu vereinbaren, so dass es für alle stimmt. «Wir hatten auch schon den Fall von zwei Assistenzärzten, die sich mehr als ein halbes Jahr die Stelle geteilt haben, als sie in Vaterschaftsurlaub gingen. Selbstverständlich dürfen bei uns auch Männer Teilzeit arbeiten, wenn sie das wünschen.» Dazu kommen die Mitarbeitenden, zu denen auch Dr. Kathrin Bausch gehörte, die sich ihr Pensum auf 50% Klinik und 50% Forschung aufteilen. Mit dieser Möglichkeit wird einem die Mitarbeit an einem der vielen Forschungsprojekte deutlich erleichtert. «Hier auf der Urologie laufen zu verschiedensten Krankheitsbildern Studien – unsere Abteilung ist da immer auf dem neusten Stand, was ich sehr schätze.» 

Ein Fachgebiet, viele Möglichkeiten

Gefragt, was die beiden denn genau an der Urologie so fasziniert, fällt schnell der Begriff «Vielseitigkeit»: Ihr Alltag beinhaltet Notfälle, die rasches und gezieltes Handeln erfordern, gleichzeitig gehören aber auch hochkomplexe und auch fordernde Fälle auf der Station zum Alltag. Kathrin Bausch gefiel auch, dass sie in der Urologie schon ziemlich schnell als Assistenzärztin operieren durfte – kleinere OPs wie zum Beispiel das Einlegen einer Harnleiterschiene. «In anderen Fachgebieten wartet man erst mal mehrere Jahre, bis man einen Operationssaal von innen sieht.» Auch die schnellen Erfolge, die man in der Urologie immer wieder verzeichnet, spielen eine wichtige Rolle: «Gerade zu Beginn meiner Arbeit war ich sehr fasziniert, wenn man Menschen, die furchtbare Schmerzen haben, schnell helfen kann, zum Beispiel Patienten mit einem Harnverhalt, denen man einen Katheter legt und ihnen so sofort Linderung verschafft. Das gibt einem ein gutes Gefühl, gerade neben all den schwerkranken Patienten, die man auch betreut.» 

Antje Feickes Alltag als Kaderärztin setzt sich aus Sprechstunden, hochspezialisierter chirurgischer Arbeit mit dem Schwerpunkt Roboterchirurgie und genitalen Angleichungen gemeinsam mit den Kolleginnen der plastischen Chirurgie zusammen. Dazu kommt die Personal- und Dienstplanung, die ihr ebenfalls einige Zeit abverlangt. Neben der Vielseitigkeit ihrer Arbeit schätzt sie auch deren Interdisziplinarität: «Ich arbeite auch mit der Gynäkologie zusammen und bin zum Beispiel bei Endometriose-Operationen dabei. Mir macht die Arbeit viel Freude – auch, weil ich mittlerweile sehr viele Freiheiten habe. Meine Leitung bringt mir grosses Vertrauen entgegen.»

Wertschätzung und gute Stimmung

Grundsätzlich herrscht in der Urologie am USB ein sehr wertschätzendes Klima – hier wird viel gefordert, aber eben auch gefördert: «Die Förderung hier geschieht auch indirekt: Ich hätte mir nie zugetraut, den Weg einer Habilitation einzuschlagen, aber mir wurde das von der Leitung regelmässig nähergebracht, es wurde nachgefragt und ich wurde immer wieder dazu motiviert, mit der Forschung weiterzumachen. In unserem Team herrscht eine starke Offenheit und man spürt, dass an einen geglaubt wird. Das gilt natürlich auch für die Männer hier.»

In Zukunft soll es in der Urologie eine Führungskraft geben, die sich um Geschlechterfragen kümmert und auch als Mentorin für weibliche Mitarbeitende fungiert. Auch der Zugang zu geschlechterspezifischen Förderprogrammen (z.B. das Programm antelope der Universität Basel für junge Forscherinnen) wird aktiver unterstützt werden. Antje Feicke sieht der Zukunft positiv entgegen: «Die Urologie am Universitätsspital Basel soll dafür bekannt werden, dass sie Frauen beste Bedingungen bietet. 
Man kann schon sagen, dass man hier «gepushed» wird. Wer sich weiterentwickeln will, ist hier sicher richtig.»

 

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