30. September 2020

Forschung während der Pandemie: In schweren Zeiten lohnt sich ein gutes, teures Gesundheitssystem

Forschende des Universitätsspitals Basel haben untersucht, welche Faktoren entscheidend sind, damit Länder gleichzeitig die Pandemie bewältigen und die Forschung zu COVID-19 und anderen Themen vorantreiben können. Hierfür analysierten sie die Publikationszahlen der 30 Länder, die in den ersten vier Monaten am schwersten von der Pandemie betroffenen waren. Das Resultat: Stabile Gesundheitssysteme, eine gut ausgebaute wissenschaftliche Infrastruktur und hohe Gesundheitsausgaben sind die entscheidenden Faktoren, um diese Doppelbelastung zu meistern.

 

Die COVID-19-Pandemie führte weltweit zu einem enormen Forschungsschub. An Spitälern, in Labors und an Universitäten wurden trotz erschwerten Bedingungen innert kürzester Zeit zahlreiche Studien zur neuen Coronavirus-Erkrankung veröffentlicht. Wurde dabei die Forschungstätigkeit auf anderen Gebieten der Medizin vernachlässigt? 

Wovon dies in den ersten Monaten der Pandemie abhing, haben Forschende um PD Dr. Simon Müller, Prof. Alexander Navarini und Dr. Oliver Brandt von der Dermatologie des Universitätsspitals Basel untersucht. Sie analysierten, wie sich 17 epidemiologische, gesundheitsökonomische und wissenschaftliche Faktoren auf die Rate von Publikationen zu COVID-19 und zu anderen medizinischen Themen auswirkten. 

Als wichtigste Faktoren identifizierten die Forschenden die Qualität der Gesundheitsversorgung und den Zugang dazu, die Anzahl der COVID-19-Fälle pro Kopf, das Bruttoinlandprodukt und die Gesundheitsausgaben pro Kopf sowie die vorbestehende Forschungsexpertise. Die Schweiz belegt bezüglich dieser Faktoren im internationalen Vergleich einen der vorderen Ränge. Dies könnte erklären, warum hierzulande im Vergleich zu den anderen 29 Ländern, im untersuchten Zeitraum und bezogen auf die Bevölkerungszahl, die höchste Rate an wissenschaftlichen Arbeiten zu Nicht-COVID-19-Themen und nach Singapur die zweithöchste Rate zu COVID-19-Themen publiziert wurde. 

Die Strenge der Lockdown-Massnahmen kann zwar bekanntermassen dazu beitragen, die COVID-19-Übertragung zu regulieren, sie hatte aber in der Analyse keinen unmittelbaren Einfluss auf die Publikationsrate. Dies könnte darauf hinweisen, dass die Produktivität der Forschenden zumindest in der Frühphase einer Pandemie von den Lockdown-Massnahmen kaum tangiert wird. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die untersuchten Nicht-COVID-19-Publikationen im Vergleich zur Vorjahresperiode kaum nachliessen.

Die Schweiz hat die doppelte Herausforderung, Forschung zu betreiben und die Pandemie zu bekämpfen, bisher sehr gut gemeistert, darauf weist die Arbeit der Basler Forschenden hin. Simon Müller ergänzt: «Diese Erkenntnis dürfte eine gewisse Genugtuung sein für die Mitarbeitenden in Gesundheitsberufen und medizinischer Forschung, die während der Pandemie einen grossen Effort geleistet haben und dies weiterhin tun. Man kann die Resultate auch so interpretieren, dass sich Qualität lohnt: Ein hochqualitatives Gesundheitssystem ist zwar kostspielig, aber in Bezug auf die Forschung eben auch krisenresistent, was letztlich auch den Patientinnen und Patienten und der Bevölkerung zugutekommen kann.» Die Resultate müssen nun noch über einen längeren Zeitraum und mit zusätzlichen Faktoren überprüft werden.

 

Originalarbeit: Müller, S.M.; Mueller, G.F.; Navarini, A.A.; Brandt, O. National Publication Productivity during the COVID-19 Pandemic—A Preliminary Exploratory Analysis of the 30 Countries Most Affected. Biology 2020, 9, 271.

 

Medienauskunftsstelle