23. Juni 2017

Sichere Transplantation von Stammzellen bei Rückenmarkverletzungen

Für Menschen mit einer Querschnittlähmung tut sich ein leiser Hoffnungsschimmer auf. Mit einer Transplantation von neuronalen Stammzellen ins Rückenmark kann eine Verbesserung der Sensibilität erreicht werden. So ist es gelungen, dass Patientinnen und Patienten, die unterhalb der Brust kein Gefühl mehr hatten, nach der Stammzelltransplantation wieder bis zum Bauchnabel oder bis zur Hüfte etwas spüren konnten. Das zeigt eine Studie, die massgeblich am Universitätsspital Basel entstanden ist und soeben in der Fachzeitschrift «Neurosurgery» veröffentlicht wurde.

 

Verletzungen der Wirbelsäule können zwar akut mit chirurgischen Massnahmen versorgt werden, doch sind anschliessend an die Rehabilitation derzeit keine weiteren Therapien verfügbar. Um diesbezüglich Fortschritte zu erzielen, hat Prof. Raphael Guzman, stv. Chefarzt Neurochirurgie am Universitätsspital Basel, eine Studie mitentwickelt, die den Einsatz von neuronalen Stammzellen zur Regeneration des Rückenmarks testen wollte. In der Folge haben Guzman und Prof. Armin Curt, Chefarzt am Zentrum für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist, bei neun Patienten mit Rückenmarkverletzungen im chronischen Stadium neuronale Stammzellen transplantiert. Zusätzlich wurden in Kanada drei weitere Querschnittgelähmte nach der gleichen Methode operiert, so dass schliesslich zwölf Patientinnen und Patienten in die Studie eingeschlossen werden konnten.

Die Phase I/II-Studie wollte primär klären, ob der Eingriff sicher ist. Wie die Publikation der Ergebnisse in der Fachzeitschrift «Neurosurgery» zeigt, wurde dieses Ziel erreicht. Die Stammzelltransplantation hatte weder signifikante Nebenwirkungen zur Folge, noch verschlechterte sich der Zustand der Patientinnen und Patienten. Im Gegenteil konnte eine leichte Verbesserung der Situation erreicht werden, wie Co-Studienleiter Guzman erklärt: «Bei der Hälfte der Menschen mit Paraplegie konnte die Sensibilität verbessert werden. So konnten Patienten, die beispielsweise unterhalb der Brust kein Gefühl mehr hatten, nach der Stammzelltransplantation wieder bis zum Bauchnabel oder bis zur Hüfte etwas spüren.» Klinisch gesehen war somit zwar ein biologischer Effekt zu verzeichnen, doch ein motorischer Effekt konnte nicht festgestellt werden.

Grösste Erfolgsaussichten bei Tetraplegie

Die Studie hat ergeben, dass die Transplantation von neuronalen Stammzellen ins Rückenmark technisch machbar ist. Damit kommen die Bemühungen, die Verbindungen ober- und unterhalb von Rückenmarkverletzungen wieder herzustellen, einen wichtigen Schritt weiter. Neue Erkenntnisse liefert auch eine Anschlussstudie aus den USA, an der Guzman beteiligt war. In der Anschlussstudie wurde dieselbe Technik der Stammzelltransplantation bei 17 Menschen mit Tetraplegie angewendet. Bei ihnen wurden im obersten Segment des Rückenmarks neuronale Stammzellen transplantiert. Auch die Studie in den USA zeigt, dass die Stammzelltransplantation sicher durchgeführt werden kann, wobei die klinischen Ergebnisse noch nicht vorliegen.

Ob aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse eine neue Studie folgen wird, ist offen. Zunächst müssen wichtige Fragen geklärt werden: Wann ist der beste Zeitpunkt und wo ist der beste Ort für eine Transplantation? Welche Art von Stammzellen eignet sich am besten? Wie viele Stammzellen sollen transplantiert werden? Werden hierzu Antworten gefunden, sind für Guzman die Erfolgsaussichten am grössten, bei Tetraplegikern eine klinisch relevante Funktion wieder herstellen zu können.

Referenzen:

Levi AD, Okonkwo DO, Park P, Jenkins AL 3rd, Kurpad SN, Parr AM, Ganju A, Aarabi B, Kim D, Casha S, Fehlings MG, Harrop JS, Anderson KD, Gage A, Hsieh J, Huhn S, Curt A, Guzman R.

Emerging Safety of Intramedullary Transplantation of Human Neural Stem Cells in Chronic Cervical and Thoracic Spinal Cord Injury. Neurosurgery. 2017 May 24. [Epub ahead of print]

 

Medienauskunftsstelle