12. Jul 2019

Übermässiger Durst: Harmlos oder Hormonstörung?

Eine übermässige Flüssigkeitsaufnahme kann eine medizinisch unbedenkliche Gewohnheit darstellen, aber auch auf eine seltene Hormonstörung hinweisen. Ein neues Verfahren ermöglicht nun eine schnelle und zuverlässige Diagnose. Das berichten Forschende der Universität und des Universitätsspitals Basel in der renommierten Zeitschrift «The Lancet».

 

Eine Trinkmenge von über drei Litern pro Tag mit entsprechend vermehrter Urinausscheidung gilt als zu viel. Dieses literweise Trinken – «Polydipsie-Polyurie-Syndrom» genannt – ist meistens mit der Zeit durch Gewohnheit entstanden oder eine Begleiterscheinung einer psychischen Krankheit.

In seltenen Fällen kann als Ursache ein Diabetes insipidus vorliegen. Bei dieser Krankheit fehlt in der Hirnanhangdrüse das Hormon Vasopressin, welches in unserem Körper den Wasser- und Salzgehalt steuert. Betroffene Personen können den Urin nicht konzentrieren und verlieren deshalb grosse Mengen an Flüssigkeit. Entsprechend verspüren sie ein starkes Durstgefühl und müssen viel trinken, um nicht auszutrocknen. Die Unterscheidung zwischen einer «harmlosen» Form des Vieltrinkens, auch primäre Polydipsie genannt und einem Diabetes insipidus ist äusserst wichtig, da sich die Therapie grundsätzlich unterscheidet. Ein Diabetes insipidus wird mit dem Hormon Vasopressin behandelt, während Personen mit primärer Polydipsie verhaltenstherapeutisch begleitet werden mit dem Ziel, die Trinkmenge zu reduzieren. Eine falsche Behandlung kann lebensbedrohliche Folgen haben, da eine unangebrachte Therapie mit Vasopressin zu einer Wasservergiftung führen kann.

Einfacher Bluttest anstatt Durstversuch

Viele Jahrzehnte lang erfolgte die Unterscheidung dieser beiden Formen des Vieltrinkens mittels eines «Durstversuchs». Bei diesem Test durften untersuchte Personen während 16 Stunden keine Flüssigkeit zu sich nehmen und die Urin-Konzentrationsfähigkeit und Urinmenge wurde beobachtet. Dieser Test führte nur in zweidrittel der Fälle zu einer klaren und richtigen Diagnose. Zudem war die 16-stündige Durstphase äusserst belastend. Ein neuer Test wurde letztes Jahr von Forschern der Universität und des Universitätsspitals Basel im New England Journal of Medicine publiziert. Bei diesem Test wird mittels einer Salzinfusion das Hormon Vasopressin stimuliert. Der Test dauert nur zwei Stunden und die richtige Diagnose kann mit einer hohen Zuverlässigkeit von 97 Prozent gestellt werden. Dieser Test ist aber mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden und bedarf einer konstanten Überwachung.

Die gleiche Forschungsgruppe schlägt nun im «Lancet» einen weiteren, stark vereinfachten und verträglicheren Test vor. Anstatt der Salzinfusion wird eine Infusion mit dem Eiweissbestandteil Arginin verabreicht, welche ebenfalls das Hormon Vasopressin stimuliert. Bereits 60 Minuten nach Arginininfusion kann der Anstieg von Vasopressin im Blut erfasst werden. Hierzu wird der Biomarker Copeptin, welcher die Konzentration von Vasopressin wiederspiegelt, mit einem einfachen Bluttest gemessen.

Verbesserte Diagnose und Therapie

Diese neue Methode hat eine ähnlich hohe diagnostische Treffsicherheit wie die Salzinfusion: über 90 Prozent aller Studienteilnehmer konnten richtig diagnostiziert und entsprechend rasch behandelt werden. Die Vorteile des Arginin Tests sind die einfache Durchführung und die viel bessere Verträglichkeit: während bei der Salzinfusion mehr als 70 Prozent aller Patienten über Kopfschmerzen, Schwindel und Unwohlsein klagten, traten diese Nebenwirkungen mit dem neuen Test nur in Einzelfällen auf. Der Arginin Test steht für die klinische Praxis ab sofort zur Verfügung.

Die Studie von Dr. Bettina Winzeler vom Universitätsspital Basel (USB) wurde im «The Lancet» veröffentlicht. Sie entstand unter der Leitung von Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain, Leiterin des Departements Klinische Forschung der Universität Basel und Stellvertretender Leiterin der Klinik für Endokrinologie des USB.

Originalbeitrag:

Bettina Winzeler, Nicole Cesana-Nigro, Julie Refardt, Deborah R. Vogt, Cornelia Imber, Benedict Morin, Milica Popovic, Michelle Steinmetz, Clara O. Sailer, Gabor Szinnai, Irina Chifu, Martin Fassnacht, and Mirjam Christ-Crain.  

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