08. Dezember 2020

Die neuen Trauma- und Belastungsdiagnosen des ICD-11: Konsequenzen für das Diagnostizieren und Therapieren

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker Universität Zürich, Psychologisches Institut, Psychopathologie & Klinische Intervention

 

Die Weltgesundheitsorganisation hat 2018 das neue Klassifikationssystem ICD-11 veröffentlicht, in dem nun die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die beiden neuen Diagnosen Komplexe PTBS und Anhaltende Trauerstörung sowie die Anpassungsstörung in einer Gruppe stehen.

Die Neu- oder modifizierten Definitionen wurden im Endeffekt deswegen erarbeitet, weil sich die therapeutischen Vorgehensweisen für diese Diagnosen voneinander unterscheiden. Zudem wurden auch die diagnostischen Kriterien geschärft, insbesondere indem Kernsymptome für alle Diagnosen bestimmt wurden. Dieses sind z.B. für die PTBS Flashbacks oder lebhafte Wiedererinnerungen und nicht mehr jede Form von spontaner belastender Erinnerung. Für die Anhaltende Trauerstörungen sind es Symptome der schmerzhaften Sehnsucht und für die Anpassungsstörung sind es Präokkupationen (gedankliche Fixierungen).

An international einsetzbaren Klinischen Diagnoseinterviews wird zur Zeit intensiv gearbeitet, auch im Team des Referenten. Für die drei erstgenannten Diagnosen gibt es tragfähige therapeutische Ansätze mit jeweils vielen Varianten, die an die Bedürfnisse der Patienten oder Paar- und Familiensysteme jeweils (individuell) angepasst werden können. Für die im klinischen Alltag häufigen Anpassungsstörungen bildeten sich über die letzten Jahre ebenfalls evidenzbasierte neue Zugangswege heraus, viele von ihnen im niedrigschwelligen Bereich z.B. der E-Mental Health bzw. Kurzzeitinterventionen.