Geschichte

Geschichte der Radioonkologie in Basel

Bereits kurze Zeit nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen wurden diese in Basel medizinisch eingesetzt. Das Basler Bürgerspital als Vorgänger des späteren universitären Kantonsspitals beschaffte sich schon im Jahr 1896 einen Röntgenapparat zur Diagnostik. Ein Jahr später wird ein "Diagnostisches Röntgeninstitut" gegründet - das erste in der Schweiz! Im Jahre 1927 werden die Institute der Röntgendiagnostik und der Physikalischen Therapie vereint, gleichzeitig die akademische Ausrichtung der "Röntgendiagnostik" in Basel begründet. Mit dem Ausscheiden des schon 70-jährigen Leiters des Institutes, des Wieners Prof. Erich Zdansky im Jahre 1964, wird das universitäre Röntgen-Institut in die Abteilungen für Röntgendiagnostik, Strahlentherapie, Nuklearmedizin und Medizinische Strahlenphysik stärker gegliedert. Damit trägt die Organisationsstruktur des Institutes der zunehmenden fachlichen Spezialisierung der drei Disziplinen der Radiologie und ihrer strahlenphysikalischen Grundlagen Rechnung. Von 1965 bis zu der Pensionierung von Prof. Helmut Hartweg, der das Institut über 20 Jahre geleitet hat, wird das Universitätsinstitut für Radiologie im Jahr 1985 in ein Departement Medizinische Radiologie überführt. Nuklearmedizin, Radioonkologie und Radiologie erhalten damit den Status eines Institutes und werden von Chefärzten geleitet - R. Hünig für die Radioonkologie, R. Fridrich für die Nuklearmedizin und M. Elke interimistisch für die Radiologie. Zusätzlich wird der physikalische Dienst des Institutes in eine departementale Abteilung unter Leitung von J. Roth umgewandelt.

Die Geschichte der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie

Die radioonkologischen Behandlungen wurden unter der Leitung von Herrn Prof. Erich Zdansky im Jahre 1957 mit dem Beginn der Megavolttherapie aufgenommen. Die Behandlungen erfolgten mit dem ersten in der Schweiz verfügbaren Kobalt-60-Gerät, einem Eigenbau von Herrn Prof. H. Lüthi. Im Jahre 1968 erfolgte mit der Übernahme der Leitung der Radioonkologie durch Herrn Dr. Hünig auch der Umzug in neue größere Räumlichkeiten. Dort wurde die Radiotherapie mit einem Siemens Gammatron (Kobalt-60-Gerät) bis 1979 durchgeführt, ab 1974 ergänzt durch ein Siemens Betatron (18MeV) (Abb. 1: Konventionelles Röntgentherapiegerät 1975).

In den folgenden Jahren etablierte sich die Strahlentherapie in einem zunehmenden breiteren klinischen Spektrum. Exemplarisch seien hier nur die erstmalig systematisch durchgeführten postoperativen Strahlentherapien des Mammakarzinoms zum Organerhalt und die Ganzkörperbestrahlungen im Rahmen der Transplantationsvorbereitung bei Leukämien als wesentliche Beispiele genannt. Zu diesen Themen wurden ab Ende der 1970er Jahre Patienten im Rahmen erster interdisziplinärer klinischer Studien am Universitätsspital radioonkologisch behandelt. Im Jahre 1969 erfolgten erste Publikationen von Prof. Hünig und Prof. Fromhold über experimentelle und medizinische Untersuchungen mit dem weltweit ersten, kommerziell erhältlichen Ultraschall-Tomographen, die im Jahre 1970 zur ersten internationalen Tagung für die Ultraschall-Tomographie führten. Diese Methode wurde in den nachfolgenden Jahren im Rahmen einer Optimierung der Bestrahlungsplanung auch in die Radioonkologie integriert.

Seit 1972 ist die Radioonkologie eine selbstständige Abteilung am universitären Kantonsspital (Abb. 2: Personal der Abteilung 1982). Vor allem durch internationale Kooperationen mit renomierten onkologischen Arbeits- und Studiengruppen der USA konnte sich die Strahlentherapie als wesentliche Säule der onkologischen Therapie etablieren.

Die technischen Entwicklungen schritten weiter rasant fort. So wurden im Jahre 1972 die ersten Untersuchungen mit dem Computertomographen im Bereich des Kopfes (EMI-Scanner) auf dem europäischen Kontinent vom Universitätsspital Basel im Rahmen onkologischer Fragestellungen durchgeführt. Hierbei war die Radioonkologie massgeblich beteiligt, die diese Aufnahmen im Rahmen der Therapieplanung einsetzte. Im Jahre 1974 wurde am Universitätsspital Basel ein 8-MeV-Linearbeschleuniger der Firma Philips als erstes Gerät dieser Art in der Schweiz installiert (Abb. 3: Linearbeschleuniger mit Leitender MTRA Frau Binggl und Prof. Herbst, s.u.).

Mit dem Bezug einer neu eingerichteten Klinik im Jahre 1979 wurden zusätzlich ein 45-MeV-Betatron der Firma Brown und Boveri (Abb. 4) und ein Philips Simulator mit einem computerunterstützten Steuerungs- und Dokumentationssystem in Betrieb genommen. Die Bestrahlungsplanung wurde in den 1970er Jahren von der Radioonkologie als einem der grössten Institute in der Schweiz intensiv optimiert und seit 1985 mit Einführung eines Computertomographen 3-dimensional modernisiert.

Eine Besonderheit ist die seit 1979 betriebene moulagentechnische Werkstatt, die erste im deutschsprachigen Raum, zuständig für die Herstellung von individuellen Moulagen, Feldblenden aus Newton'scher Legierung und separierenden Plastikzahnschienen sowie stabilen Gesichts- und Kopfmasken. Mit diesen individuell gefertigten Fixierungshilfen konnten die Präzision und die Verträglichkeit der Bestrahlungen wesentlich verbessert werden. Zahlreiche, in Basel im jährlichen Rhythmus veranstaltete moulagentechnische Kurse sorgten auf qualitativ hohem Niveau für eine rasche und weite Verbreitung dieser innovativen Technik über die Grenzen von Basel und der Schweiz hinaus.

Vorreiter in der Erfassung und Verwaltung relevanter Patientendaten wurde das Institut für Radioonkologie durch die Einführung und Weiterentwicklung eines 1981 im Institut integrierten Systems zur Erfassung und Verarbeitung aller onkologisch relevanten klinischen Daten. Dieses System wurde in enger Zusammenarbeit mit der Industrie entwickelt und erfasste bereits bis zum Ende des Jahres 1993 Daten von mehr als 12'000 Patienten (Rodars: Radiation Oncology Data Archiving and Retrieving System). Um die zunehmende Anzahl an Patienten im Rahmen der zahlreichen interdisziplinären Therapien zu bewältigen, wurde das Institut für Radioonkologie durch einen zu Beginn der 1990er Jahre zusätzlich aufgestellten, voll digitalisierten und mit modernster Technik bis hin zum Multileafkollimator ausgestatteten Linearbeschleuniger erweitert.

Im Jahre 1992 übernahm Frau PD Dr. Landmann (in Abb. 5 links zusammen mit Prof. Hünig rechts) die Leitung des Institutes als erste Chefärztin im Universitätsspital. Die Ernennung zur Titularprofessorin erfolgte im Jahr 2003. In den Zeitraum ihrer Leitung fällt auch die Gründung der wissenschaftlichen Gesellschaft der Schweizer Radioonkologie (SASRO, seit 1996), die unter Mithilfe des Universitätsspitals Basel entstand. Von den MitarbeiterInnen des Institutes für Radioonkologie des Unversitätsspitals Basel wurde im Jahr 2005 der 9. SASRO-Kongress ausgerichtet.

Im Jahre 2002 feierte die damals noch eigenständige Radiologische Physik am Department Medizinische Radiologie des Universitätsspitals Basel ihr 40-jähriges Jubiläum. Im Jahre 1962 wurde im Jahresbericht des Bürgerspitals Basel das Isotopenlaboratorium erstmals als eigene Abteilung des Röntgeninstitutes erwähnt, neben dem diagnostischen Röntgen und der Röntgentherapie. Sie wurde bis 1980 von Prof. Dr. Herbert Lüthi geleitet, der im Jahre 1957 bereits durch den Eigenbau eines Kobalt-60-Gerätes die Entwicklung der Radioonkologie eingeleitet hatte.

Vor 40 Jahren war die Hauptbeschäftigung des Physikers im Bürgerspital Basel die physikalische Betreuung der Radiumbehandlung in der gynäkologischen Strahlentherapie. Diese Tätigkeiten wurden zunehmend ergänzt durch die Dosimetrie, physikalisch-technische Betreuung von Bestrahlungsgeräten und den Strahlenschutz für Patienten und Personal. In den vergangenen 20 Jahren wurden zahlreiche Methoden in der radiologischen diagnostischen Therapie standardisiert und teilweise automatisiert. Dies führte einerseits zur Vereinfachung, erforderte andererseits aber auch vermehrte Kontrollen vor allem in den Bereichen, in denen Abläufe und Methoden nicht immer offensichtlich und unmittelbar nachvollziehbar sind. Die physikalisch-technische Qualitätssicherung entwickelte sich zu einer wichtigen Tätigkeit in der Radioonkologie. Durch sie können eine optimale Therapie der Patienten und eine qualitativ hochwertige Durchführung klinischer und experimenteller Studien gesichert werden. Im Jahre 2004 wurde die ursprünglich eigenständige Medizinische Physik in die Radioonkologie integriert, wodurch vor allem die enge Zusammenarbeit von Ärzten und Medizinphysikern intensiviert und optimiert wurde.

Mit der Gründung des Departements Medizinische Radiologie im Jahr 1990 wurde die Radioonkologie als vollwertiges, klinisches und auch universitäres Fach zu einem eigenen Institut aufgewertet. Nach der Pensionierung von Frau Prof. Landmann steht dieses seit Oktober 2007 unter der Leitung von Prof. Frank Zimmermann, der auch das Extraordinariat Radioonkologie innehat.

Derzeit steht eine erneute vollständige Modernisierung der Klinik an, so dass das seit Anfang 2008 vollständige Spektrum der modernen Radioonkologie - intensitätsmodulierte perkutane Strahlentherapie, stereotaktische Radiotherapie, bildgeführte Radiotherapie, Brachytherapie einschliesslich der permanenten interstitiellen Jod-Seed-Brachytherapie - noch durch die schnelle dynamische IMRT und ein neues eletkronisches Netzwerk erweitert wird. Hierdurch sind auch in Zukunft die Betreuung und Behandlung der onkologischen Patienten ebenso wie die universitäre Lehre und Forschung auf höchstem klinischen und akademischen Niveau gesichert.

Die Radioonkologie und die Medizinische Physik engagieren sich bereits seit den 1960er Jahren im Rahmen des klinischen, theoretischen und praktischen Unterrichts bei der Ausbildung von medizinischen Studenten und medizinisch-technisch-radiologischen Assistenten. Die Intensität der Unterrichtsstunden wurde beständig ausgeweitet, so dass derzeit mehr als 30 Semesterstunden im studentischen Unterricht und mehr als 500 Stunden im Rahmen der MTRA-Ausbildung geleistet werden. Begann der Unterricht anfänglich mit Kreide und Wandtafel, so werden heute die modernsten Techniken der Projektionsmöglichkeiten eingesetzt. Dabei wird jedoch gezielt auf eine Nähe zwischen Lehrenden und Lernenden geachtet. Dies zeigt sich auch in den zahlreichen Praktika innerhalb der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie.

Aufgrund seiner schon frühzeitig bedeutsamen Position hat die Klinik auch zahlreiche außergewöhnliche Persönlichkeiten hervorgebracht. Viele Chefärzte und Ordinarien der Radioonkologie haben wesentliche Teile ihrer Ausbildung innerhalb der Klinik am Universitätsspital Basel durchschritten: Der spätere Ordinarius für Radioonkologie an der Universitätsklinik von Genf, Herr Prof. Dr. John Kurtz, war ebenso als Oberarzt am Universitätsspital Basel wie der spätere Direktor der Strahlenklinik und Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Erlangen, Herr Prof. Dr. Rolf Sauer, der im Jahre 2002 mit dem Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde. Er habilitierte sich zu Dosisleistungseffekten an der omnipotenten hämatopoetischen Stammzelle der Maus am Universitätsspital Basel. Auch Prof. Dr. Manfred Herbst, späterer Direktor der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie am Universtitäsklinikum Regensburg, begann seine Karriere in der Basler Radioonkologie.

Eine Vorreiterrolle besass und besitzt die Radioonkologie durch ihre ausgeprägte interdisziplinäre Zusammenarbeit, die deutlich über die Grenzen des Universitätsspitals hinausgeht. Hierzu zählen die Kooperationen bei der Betreuung onkologischer Patienten, teilweise mit den umliegenden Spitälern der benachbarten Kantone, aber auch durch die Etablierung einer grenzüberschreitenden Kooperation im Rahmen der südbadischen Tumorzentren. Die Verträge mit den südbadischen Krankenversicherungen garantieren eine optimale Betreuung der Patienten dieser südbadischen Tumorzentren sowie eine gesunde finanzielle Basis der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsspital Basel. Auch bei der Gründung des interdisziplinären Tumorzentrums am Universitätsspital Basel mit seinen verschiedenen Organzentren (z.B. Brustzentrum, Kopf-Hals-Tumorzentrum, Behandlungszentrum Lunge) war und ist die Radioonkologie massgeblich beteiligt.