18. November 2014

Die Fassung einer Person – ein hilfreicher Begriff in der Begegnung mit anderen Menschen

Prof. Wolf Langewitz Universitätsspital Basel, Medizin, Abteilung Psychosomatik

 

Die Fassung eines Menschen ist das, was wir nicht verlieren mögen (H. Schmitz). Sie ist ein manchmal über-deutlicher Ausdruck dessen, was und wie wir gerne sein möchten. Das erste, was mir bei einem anderen Menschen begegnet, ist seine Fassung. Wir haben verschiedene “Fassungen”: ich bin als Grossvater und als Psychotherapeut jeweils in einer anderen Fassung, was ich leicht daran erkenne, dass es unterschiedlicher Dinge bedarf, um mich als Grossvater oder als Psychotherapeut “aus der Fassung zu bringen”.

Hilfreich im Umgang mit Menschen ist der Begriff der Fassung, wenn wir in Problemsituationen “die Fassung nicht bewahren können”. Welche Fassung haben wir versucht zu bewahren? Gäbe es eine andere Fassung, die uns mehr Halt geben könnte? Hilfreich in der Aus- und Weiterbildung ist der Begriff der Fassung, weil er eine Dimension der Selbst-Reflexion anspricht: ich weiss erst dann, wie flexibel meine Fassung ist, wenn ich ihre Ränder erkundet habe. Wer schnell Angst bekommt, seine Fassung zu verlieren, wird starr an einem bestimmten Bild seiner selbst festhalten und Mühe haben, sich auf die Bedürfnisse einer Person oder die Anforderungen einer neuen Situation einzustellen. Rollenspiele mit emotional forderndem Inhalt sind eine Möglichkeit, die Belastbarkeit der eigenen Fassung kennenzulernen – verliere ich meine Fassung, wenn mir “als Patientin” im Rollenspiel die Tränen kommen? Wenn ich das annehme, werde ich verhindern müssen, dass meinem Patienten die Tränen kommen, damit er nicht seine Fassung verliert!

Vortragspräsentation zu «Die Fassung einer Person»

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