12. Oktober 2020

Patientin mit Nebengeräuschen

Eine alte Dame wird zur Abklärung surrender Laute computertomografisch untersucht – eine ungewöhnliche radiologische Kasuistik.

 
Die Violonistin Anne Battegay begleitet die Patientin, eine neapolitanische Geige von 1910–1915 zur CT-Untersuchung bei Dr. Markus Obmann, Oberarzt der Radiologie.
3D-CT-Rekonstruktionen der Geige: Die Lufteinschlüsse sind schwarz neben dem hell dargestellten Stimmstock, Bassbalken und Steg erkennbar.
CT des Geigenbodens: Die Lufteinschlüsse zeigen sich schwarz, das Metallstück weiss.
3D-CT-Rekonstruktion der Geige: Metallstück und Lufteinschlüsse treten blau hervor.

Die durchaus betagte Patientin wird nach Dienstschluss eingeliefert. Ihre Begleitung, eine Violonistin und ein Cellist, berichten, dass sie seit einiger Zeit durch surrende Nebengeräusche auffalle, die in den vergangenen Monaten, vor allem in tiefen Stimmlagen, zugenommen hätten. Die Violinistin erwähnt, dass verschiedene Therapieversuche erfolgt seien und spricht der Patientin, die im Übrigen aus Neapel stamme, eine nicht untypische Launenhaftigkeit zu. Während der Anamnese bleibt die Patientin weitgehend stumm, nur beim Abklopfen des Rückens macht sie sich durch leises Surren bemerkbar. Trotz des hohen Alters, das auf 105–110 Jahre geschätzt wird, ist sie ansonsten klinisch unauffällig. 
Da Lufteinschlüsse als Ursache vermutet werden, wird – wie vom Überweiser angeordnet – eine Computertomografie (CT) durchgeführt. 

Bildgebende Diagnostik
Die Voraufnahmen zeigen störende Artefakte, so dass Kinnhalter, Feinstimmer samt E-Saite und Wirbel zur weiteren Untersuchung entfernt werden. 
Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird Lesenden klar, dass es sich bei der ungewöhnlichen Patientin um eine Violine handelt – mitnichten ektomieren (bzw. extrahieren) Radiologen Wirbel. Die im Anschluss hergestellten Bilder bestätigen die Verdachtsdiagnose: In der Mitte des Bodens, unterhalb des gut sichtbaren Bassbalkens zeigen sich mehrere Lufteinschlüsse sowie benachbart ein kleines Metallstück. Sie verursachen die Geräusche, die bei der Patientin (wie auch bei der Violonistin und dem Cellisten) zu Beschwerden führen. 

Therapie
Zur Behandlung wird die Patientin dem Geigenbauer, der die CT empfohlen hatte, übergeben. Er hatte kleinere, bei Instrumenten dieses Alters nicht ungewöhnliche sichtbare Defekte repariert, die Ursache des Surrens aber nicht ausräumen können. Erst die Computertomografie brachte diese an den Tag. Da jedoch Eingriffe am Boden heikel sind, klärt er ab, ob das Metallstück herausgezogen und die nun lokalisierten Stellen über den Löchern fein angebohrt sowie mit einer Holzmasse gefüllt werden können. 
Vielleicht kann im Rahmen der Therapie geklärt werden, warum das Instrument, das der Violonistin Anne Battegay seit drei Jahren gehört, an dieser Stelle Metall enthält. Denkbar ist, dass ein Geigenbauer Schwingungen, die durch die Löcher entstanden, so tilgen wollte.