02. Juni 2020

Rot verstärkt, Blau und Grün lindern den Juckreiz

Viele Menschen beginnt es selbst zu jucken, wenn sie Bilder von Parasiten auf der Haut oder etwas Ekliges sehen. Dieses Phänomen «visuell übertragbarer Juckreiz» (engl. «Contagious Itch») genannt, hat Dermatologen am Universitätsspital Basel auf eine Idee gebracht: Offenbar lässt sich Juckreiz durch visuelle Reize erzeugen- könnten solche den Juckreiz also auch lindern? Zur Beantwortung dieser Frage haben sie den Einfluss von Farben auf Juckreiz untersucht – und herausgefunden, dass tatsächlich eine Systematik zwischen Farben und Juckreiz besteht, wobei es Juckreiz-verstärkende und –lindernde Farben gibt.

 

Die Ergebnisse einer Studie der Dermatologischen Klinik des Universitätsspitals Basel sind verblüffend: Der Anblick von Rot verstärkt den Juckreiz bei Patientinnen und Patienten, der Anblick von Blau und Grün vermag ihn zu lindern. Juckreiz ist das am häufigsten vorkommende haut-bezogene Krankheitssymptom und betrifft bis zu ca. die Hälfte aller dermatologischen Patientinnen und Patienten. Chronischer Juckreiz, also Juckreiz, der länger als sechs Wochen anhält, hat dabei vergleichbare Minderungen der Lebensqualität zur Folge wie chronische Schmerzen.

Dass visuelle Reize einen Einfluss auf den Juckreiz haben können, ist schon länger bekannt. Man spricht hier vom «Contagious Itch», dem ansteckenden Juckreiz, beispielsweise beim Betrachten von Parasiten auf der Haut, ansteckenden Hautkrankheiten oder eines als eklig wahrgenommenen Bildes. Forscher um PD Dr. Simon Müller und Prof. Alexander Navarini haben nun nachgewiesen, dass das Betrachten von Farben einen Einfluss auf die Intensität des Juckreizes haben kann. 72 Patientinnen und Patienten, die an unterschiedlich starkem, chronischem Juckreiz leiden, wurden zunächst gefragt, ob sie ihrem Leiden eine Farbe zuordnen können. Knapp 95 Prozent sagten, ihr Juckreiz sei «rot». Auf die Frage, welche Farbe eine Erleichterung bringen könnte, entschieden sich 80 Prozent entweder für Blau oder Grün.

Zur Farbexposition betrachteten die Probanden auf einem Bildschirm in einem abgedunkelten Raum jeweils während zehn Minuten die von ihnen gewählte «lindernde» und die «verschlimmernde» Farbe. Tatsächlich konnte der Juckreiz signifikant in der Intensität gesenkt resp. gesteigert werden. Dabei spielte nicht nur der Farbton eine Rolle, sondern auch dessen Sättigung: Je stärker die Probanden durch Juckreiz in ihrer Lebensqualität gestört waren, desto schwächer (blasser) wählten sie den Sättigungsgrad der juckreizlindernden Farbe und desto stärker den Sättigungsgrad der juckreizverstärkenden Farbe.

Die Studienautoren sehen in ihren Erkenntnissen diverse Anwendungsmöglichkeiten. Beispielsweise bei der Farbgebung von Klinikräumen, der Einfärbung von Juckreiz-Salben oder von Medikamenten/Verpackungen für dermatologische Mittel. Der Langzeiteffekt dieser experimentellen Therapiemöglichkeit ist zwar noch nicht untersucht, aber womöglich könnte sie eine nicht-medikamentöse Zusatz-Therapie darstellen, die helfen könnte, Juckreiz-Medikamente zu reduzieren. Derzeit untersuchen die Forscher den Effekt der visuellen Farbexposition mithilfe von virtueller Realität (VR), bei der die Probanden eine VR-Brille tragen, die eine Farbexposition nicht nur auf einem Bildschirm, sondern in einem 360° Farbraum erlaubt. Damit kann diese Therapiemöglichkeit nicht nur portabel, sondern auch individualisiert werden: jeder Patient kann sich den momentan angenehmsten Farbton und die gewünschte Farbsättigung einstellen.