Wenn Sehen neu gelernt wird

Was, wenn Menschen, die kaum noch sehen können, plötzlich wieder Formen oder Gegenstände wahrnehmen? Eine neue Studie zur optogenetischen Therapie zeigt vielversprechende Ergebnisse bei Menschen mit fortgeschrittener Retinitis pigmentosa. 

2026-10-08, 10:00

Dr. Stefan Futterknecht ist angehender Facharzt an der Universitären Augenklinik des Universitätsspitals Basel (USB) und forscht am Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB). Als Zweitautor der Studie hat er die Daten ausgewertet. Im Gespräch erklärt er, wie die Therapie funktioniert, was Betroffene damit wahrnehmen können und welche Bedeutung die Ergebnisse für die Zukunft haben.

Dr. Stefan Futterknecht, Sie arbeiten in der Augenklinik und gleichzeitig in der Forschung. Wie ergänzen sich diese beiden Bereiche?

Die klinische Arbeit an der Augenklinik des USB und die Forschung am IOB ergänzen sich für mich sehr gut. In der Klinik sehe ich unmittelbar, was Netzhauterkrankungen für die Betroffenen bedeuten und wo die heutigen Therapien an ihre Grenzen kommen. In der Forschung können wir genau dort ansetzen und nach neuen Lösungen suchen.

Was fasziniert Sie an der Augenheilkunde?

Mich begeistert die Verbindung von sehr präziser Diagnostik und innovativen Therapieansätzen. Viele Erkrankungen der Netzhaut lassen sich heute bis auf einzelne Zellschichten untersuchen. Gleichzeitig gibt es gerade bei erblichen und degenerativen Netzhauterkrankungen noch grossen Bedarf an neuen Therapien.

Wie sind Sie zu diesem Forschungsprojekt gekommen? 

Ich arbeite seit mehreren Jahren in der Gruppe von Botond Roska am IOB und beschäftige mich dort mit neuen gentherapeutischen Ansätzen für Netzhauterkrankungen. Die optogenetische Therapie finde ich besonders spannend, weil sie einen neuen Weg geht: Sie versucht nicht, die ursprüngliche Ursache jeder einzelnen Form der Retinitis pigmentosa zu korrigieren. Sie verändert verbliebene Zellen der Netzhaut so, dass sie wieder auf Licht reagieren können. Dadurch könnte der Ansatz prinzipiell für Menschen mit sehr unterschiedlichen genetischen Ursachen der Retinitis pigmentosa infrage kommen.

Was passiert bei der Behandlung konkret?

Bei einer fortgeschrittenen Retinitis pigmentosa funktionieren die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut, die Photorezeptoren, kaum noch. Andere Nervenzellen bleiben aber häufig erhalten. Mithilfe einer Gentherapie bringen wir in diese Zellen ein lichtempfindliches Protein ein. Eine spezielle Brille nimmt die Umgebung auf und übersetzt sie in Lichtsignale. Die veränderten Zellen können darauf reagieren.

Was können die Betroffenen damit wieder sehen?

Normales Sehen können wir damit noch nicht wiederherstellen, aber eine neue Form des Sehens: Menschen mit sehr schwerem Sehverlust können bestimmte visuelle Informationen wieder wahrnehmen. Zum Beispiel können sie Objekte lokalisieren, einfache Formen erkennen oder sich besser im Raum orientieren.

Wie muss man sich dieses neue Sehen vorstellen?

Es ist nicht mit normalem Sehen vergleichbar. Einige Teilnehmende beschrieben die Wahrnehmung als Vibration oder Flimmern. Das ist zunächst sehr ungewohnt. Das Gehirn muss erst lernen, diese neuen Signale zu verstehen.

Sie haben die Daten für die Studie ausgewertet. Was war für Sie das wichtigste Ergebnis? 

Für mich war besonders wichtig, dass die Therapie sicher ist und die Verbesserungen nicht nur bei einer einzelnen Person auftraten. Bereits 2021 konnten wir zeigen, dass der Ansatz grundsätzlich funktionieren kann. Jetzt konnten wir die Ergebnisse einer grösseren Gruppe über einen längeren Zeitraum untersuchen.

Spannend war auch: Wer intensiver mit der Brille trainierte, erzielte tendenziell bessere Ergebnisse. Das zeigt, dass neben der Gentherapie auch das Lernen eine wichtige Rolle spielt. Das Gehirn muss sich an die neuen visuellen Signale gewöhnen.

Was nehmen Sie aus dieser Studie mit?

Dass wir Menschen mit sehr schwerem Sehverlust tatsächlich neue visuelle Informationen wieder zugänglich machen können. Das ist noch kein normales Sehen. Aber in der Klinik wird sehr deutlich, dass Sehvermögen nicht einfach eine Zahl auf einer Sehtafel ist. Entscheidend ist, was jemand im Alltag tatsächlich wahrnehmen kann. Und es zeigt, dass wir neue Wege finden können, wenn wir Forschung und Klinik zusammenbringen.

Dr. Stefan Futterknecht

Assistenzarzt / PHD Student

Augenklinik

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An der internationalen Studie nahmen zehn Menschen mit fortgeschrittener Retinitis pigmentosa und starkem Sehverlust teil. Die Studie wurde von Botond Roska vom Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB) und José-Alain Sahel von der University of Pittsburgh geleitet.

Im Mittelpunkt stand zunächst die Sicherheit der Behandlung. Bei sieben der zehn Teilnehmenden nahm die Lichtempfindlichkeit zu, bei sechs davon in klinisch relevantem Ausmass. Bei mehreren Teilnehmenden zeigten sich zudem Verbesserungen bei visuellen Aufgaben, etwa beim Wahrnehmen und Lokalisieren von Objekten. Die Ergebnisse liefern damit Hinweise darauf, dass der optogenetische Ansatz nicht nur bei einem einzelnen Patienten, sondern auch bei einer grösseren Gruppe funktionieren kann.

Die Studie finden Sie unter diesem Link.
 

Die Medienmitteilung vom IOB lesen Sie hier.