Hoffnung bei Long Covid: USB verfolgt vielversprechende Therapie
Für Menschen mit Long Covid gibt es neue Hoffnung: Am Universitätsspital Basel (USB) wird ein vielversprechender Therapieansatz erprobt. Er richtet sich auch gegen chronische Schmerzen oder Fatigue, eine anhaltende, schwere Erschöpfung. Damit leistet das USB in der Schweiz Pionierarbeit.
2026-05-19, 10:00
Long Covid stellt Medizin und Betroffene weiterhin vor grosse Herausforderungen. Bis zu 200 unterschiedliche Symptome werden damit in Verbindung gebracht, im Durchschnitt leiden Patientinnen und Patienten an rund einem Dutzend gleichzeitig. Eine klare körperliche Ursache lässt sich jedoch oft nicht nachweisen. Genau hier setzt das Experten-Team am USB an.
«Genesung ist möglich»
Unter der Leitung von Dr. Katrin Bopp, Leiterin der Fatigue-/ Post-COVID-Sprechstunde am USB und Prof. Rainer Schäfert, Chefarzt für Psychosomatik wird Long Covid als Zusammenspiel körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren verstanden. Erkenntnisse zeigen, dass Gehirn und Nervensystem Symptome erlernen und in bestimmten Fällen auch nach einem Ereignis wie Covid fälschlicherweise aufrechterhalten.
Diese Erkenntnis macht sich der sogenannte neuroplastische Therapieansatz zu Nutzen. Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich ein Leben lang anzupassen. Vereinfacht gesagt: Das Gehirn kann ungünstige Muster entwickeln, aber auch wieder umlernen. Genau dieses Umlernen steht im Zentrum der Therapie. «Die Symptome sind real, das Nervensystem muss sie wieder verlernen», sagt Rainer Schäfert.
Methoden wie Somatic Tracking helfen, Beschwerden ohne Angst wahrzunehmen, während Schon- und Vermeidungsverhalten schrittweise abgebaut werden. «Indem wir dem Gehirn Sicherheit vermitteln und neue Erfahrungen ermöglichen, kann es beginnen, anders zu reagieren», erklärt Katrin Bopp. «Wir vermitteln: ‘Genesung ist möglich’, aber sie verläuft individuell und nicht immer linear.» Gruppentherapien, die seit 2026 am USB angeboten werden, unterstützen diesen Prozess.
Neue Perspektiven über Long Covid hinaus
Der Therapieansatz kommt in der Fatigue-Sprechstunde am USB zum Einsatz, wo Patientinnen und Patienten mit chronischer Erschöpfung behandelt werden, unabhängig von der Ursache. «Long Covid ist nur eine mögliche Ursache für Fatigue», sagt Rainer Schäfert. «Die Mechanismen im Nervensystem ähneln sich oft.» Deshalb kann der Ansatz auch bei chronischen Schmerzen angewendet werden.
Trotz erster Erfolge ist die neuroplastische Betrachtung noch wenig verbreitet. Das liegt unter anderem am weiterhin dominierenden Krankheitsverständnis, das sich stark auf Biomarker stützt. «Viele Betroffene erleben, dass ihre Symptome nicht ernst genommen werden», sagt Katrin Bopp. In Basel zeigt sich jedoch: Der neuroplastische Therapieansatz eröffnet neue Perspektiven, nicht nur für Long Covid.
Aktuell wird in einer Studie die Machbarkeit, die Akzeptanz und der Nutzen des Therapieansatzes untersucht. Gefördert wird die Studie von der Stiftung propatient. Die Forschungsstiftung des Universitätsspital Basel fördert patientennahe, interdisziplinäre medizinische Forschung und Innovation am USB.
Hier können Sie in die Podcastfolge 5 «So long, Cohen» mit Dr. Katrin Bopp und Prof. Rainer Schäfert reinhören. Die Folge gehört zum unabhängigen Podcast SoLongCovid.